Petra Majdič läuft falsch. Sie arbeitet sich eine Piste hoch, die Skifahrer normalerweise hinunterfahren. Ihr Rennen geht drei Kilometer lang bergauf. An der steilsten Stelle beträgt die Steigung 29 Prozent. Dieser epische Anstieg auf die Alpe Cermis in Italien bildete am vergangenen Sonntag das spektakuläre Finale der Tour de Ski.

45 Frauen und 46 Männer nehmen den Berg in Angriff. Petra Majdič ist in ihrem textmarkergelben Rennanzug nicht zu übersehen. Sie stammt aus Slowenien, verliert auch in der ärgsten Schinderei nicht ihren Optimismus und findet die ultimative Qual prima: "Dieses Rennen zeigt, wie hart unser Sport ist. Da bekommen die Zuschauer Respekt."

Die Tour de Ski wurde geschaffen, um eine der ältesten Sportarten des Winters neu zu erfinden. Im Kampf um die Gunst des Fernsehens und der Sponsoren soll der Skilanglauf Boden gutmachen. Diese Ausdauerdisziplin, von Natur aus gleichförmig und arm an Höhepunkten, hat ein neues Format bekommen: ein Etappenrennen, abgeschaut bei der Tour de France der Radrennfahrer.

In zehn Tagen müssen die Sportler in drei Ländern acht Rennen bestreiten. Eine Chance auf den Gesamtsieg hat nur, wer alle Disziplinen des Langlaufs beherrscht: die klassische Technik und den Schlittschuhschritt, den Einzel- und den Massenstart, das Distanzrennen über 35 Kilometer und den Sprint, bei dem die Zuschauer immer auf Stürze lauern.

Als Höhepunkt des Spektakels haben sich die Funktionäre das Bergrennen ausgedacht. Als die Tour vor drei Jahren zum ersten Mal ausgetragen wurde, hagelte es Kritik, dieser Viehauftrieb habe nichts mehr mit dem Langlauf zu tun. Manche Langläufer trauten sich den finalen Anstieg nicht zu und beantragten, Felle unterschnallen zu dürfen. Die Rennleitung lehnte das ab.

Petra Majdič führt das Feld der Frauen an. Die Polin Justyna Kowalczyk startet als Zweite. Für das Publikum ist das Rennen übersichtlich: Jede geht mit ihrem Rückstand aus der Gesamtwertung auf die Strecke. Wer als Erste das Ziel erreicht, hat die ganze Tour gewonnen. Entsprechend groß ist das Interesse: An die 15.000 Zuschauer stehen an der Piste.

Außerhalb von Skandinavien findet der Langlauf nirgendwo so ein großes Publikum wie hier. Die Fans aus der Schweiz läuten ihre riesigen Kuhglocken. Sie gelten Dario Cologna, einem der Favoriten bei den Männern. Aus den Lautsprecherboxen dröhnt Italopop, in großen Kesseln über offenem Feuer dampft Glühwein. Ein Witzbold hat mit Sprühdose rot an den Pistenrand geschrieben: Do not eat yellow snow – iss keinen gelben Schnee.

Die ersten sechs Kilometer führt der Finallauf flach durchs Fleimstal. Dann beginnt der Anstieg, der drei Kilometer lange Berg. Mit jedem Meter schmilzt der Vorsprung von Petra Majdič. Jetzt kommt sie an das Steilstück. Kinder rodeln am Pistenrand, Zuschauer haben mit den Hacken ihrer Stiefel Stufen in den Schnee geschlagen, um stehen zu können.