Die traurige Chance der Stunde null – Seite 1

Auch das ist Globalisierung: Die Vereinigten Staaten haben ihre Militärmacht für Haiti mobilisiert, die Europäische Union hat 400 Millionen Euro versprochen, die Türkei Suchtrupps geschickt, Deutschland das Technische Hilfswerk. Aus China sind Bergungsfachleute gekommen, aus Kuba Ärzte, aus Israel Feldlazarette, aus Iran Zelte. Selbst Liberia schickt 50.000 Dollar. Eine scheinbar lächerliche Summe, aber sie ist für eine kleine Nation, die vor Kurzem selbst noch Katastrophengebiet war, eine anrührende Geste.

Das Erdbeben in Haiti hat wie keine andere Katastrophe einen Moment der globalen Empathie ausgelöst, wie es nicht einmal der Tsunami von Weihnachten 2004 vermocht hat. Doch eine Woche danach erleben wir nicht nur weltweite Hilfsbereitschaft, sondern auch eine prekäre Ungleichzeitigkeit zwischen helfen wollen und helfen können.

Die Welt ist rasend schnell Zeuge dieses Erdbebens geworden. Überlebende haben noch unter Trümmern per Handy mit Verwandten in den USA telefoniert; andere haben per Internet Bilder und Videos verschickt; ausländische Journalisten waren Stunden später am Ort des Schreckens.

Die Welt hat auch sehr schnell reagiert, allen voran die USA mit den schwimmenden Hospitälern der Marine, den Hubschrauberflotten und den reisefertigen Rettungsteams.

Die Menschen in Haiti versuchen ihr Überleben zu sichern. Bilder aus dem Erdbebengebiet © Olivier Laban mattei/​AFP/​Getty Images

Trotzdem sind immer noch Hunderttausende Haitianer ohne Nahrung und Trinkwasser, sterben immer noch unzählige Menschen. Es häufen sich die Bilder von Plünderungen – und damit auch die Fragen: Sind die Helfer selbst hilflos, die Vereinten Nationen mal wieder überfordert, übernimmt sich die Supermacht USA? Warum klappt so vieles noch nicht, obwohl wir doch großzügig spenden, die Transportflugzeuge über Port-au-Prince kreisen und Barack Obama die Rettung Haitis zur Chefsache gemacht hat?

Die Antwort ist ebenso banal wie schwer zu ertragen: In Haiti ist fast die gesamte Infrastruktur ausradiert worden. Anders als nach dem Tsunami gibt es keine funktionierenden Flug- und Seehäfen, kein Hinterland, aus dem sich Nahrung und lokale Hilfe herbeischaffen ließe, keine Regierung, die ein Minimum an Ordnung herstellen könnte. Und gerade weil uns Twitter, YouTube und Google Earth die unmittelbare Anteilnahme ermöglichen, vergessen wir schnell: Das Internet kann Katastrophen innerhalb von Sekunden ins Bewusstsein der Welt transportieren. Aber es kann keine Trinkwasseranlagen in ein Erdbebengebiet schaffen. Das müssen immer noch Menschen tun.

Die internationale Gemeinschaft hat viel aus vergangenen Hilfseinsätzen gelernt. Doch niemand hat Erfahrung mit einer Naturkatastrophe, die einen ohnehin schon kollabierten Staat und seine Hauptstadt nun auch im wörtlichen Sinn zum Einsturz gebracht hat. Ganz einfach weil es so etwas noch nie gegeben hat.

 

Naturkatastrophe ist dabei nicht das richtige Wort. Die Natur kann eine gewaltige Zerstörungskraft entfalten. Das Ausmaß der Verheerung aber hängt von Menschen ab. Genauer gesagt: von den Mitteln und dem politischen Willen eines Staates, seine Bürger vor solchen Desastern zu schützen.

Das Armenhaus Haiti hatte bislang weder das eine noch das andere. Es gilt als historischer Versager, fand doch hier der erste erfolgreiche Aufstand von Schwarzen gegen Sklaverei, für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit statt, nur um in Chaos, Korruption und Staatskollaps zu münden. Voodoo und Aufklärung – so die bis heute herrschende Meinung –, das konnte nicht gut gehen.

Kein Land wurde für seinen Kampf um die Freiheit so bestraft wie Haiti

Tatsächlich sagt die Geschichte Haitis viel darüber aus, warum das Land jeder Naturgewalt hilflos ausgeliefert ist. Aber man muss diese Geschichte auch richtig erzählen. Keine Nation wurde für ihren Freiheitskampf so abgestraft wie Haiti. Embargos, Militärinterventionen und kleinere Raubzüge mit Kanonenbooten (auch deutschen) haben das Land verwüstet, bevor korrupte einheimische Eliten und Diktatoren das Ihre zur Zerstörung beitragen konnten – übrigens meist mit dem Segen der benachbarten Supermacht USA. Und mit den Millionen Francs, die dem Land über Jahrzehnte von den ehemaligen französischen Kolonialherren als "Entschädigung" abgepresst wurden, könnte man einen guten Teil des Wiederaufbaus finanzieren.

Haiti ist mit einem Schuldenstrick um den Hals geboren, den es fast 200 Jahre lang nicht hat abstreifen können. Das vor allem erklärt seinen Zustand vor und nach dem Erdbeben.

Nun, nach der Verheerung durch das Beben, soll endlich der Staat aufgebaut werden, den anfangs keiner wollte. Barack Obama hat sich nicht nur zu einer gigantischen Rettungsaktion, sondern auch zu einem neuen Kraftakt in Sachen Staatsaufbau verpflichtet. Natürlich stecken dahinter auch amerikanische Eigeninteressen. Und doch hat Amerikas Präsident das einzig Richtige getan und nimmt dabei ein erhebliches politisches Risiko in Kauf. Gelingt diese Mission, so hätte der Erfolg viele Urheber: die Vereinten Nationen, die USA, die lateinamerikanischen Nachbarstaaten, die EU. Misslingt sie, fällt die Schuld vor allem auf einen zurück: auf Obama.

Staatsaufbau heißt nicht, einem schwer traumatisierten Land innerhalb kurzer Zeit ein Mehrparteiensystem samt parlamentarischer Geschäftsordnung hinzustellen. Staatsaufbau bedeutet, Straßen und Krankenhäuser zu bauen, Polizisten und Richter auszubilden. Also ein Minimum an Sicherheit zu schaffen, damit eine Bevölkerung von zehn Millionen Überlebenskünstlern, Haitis einzige Ressource, sich möglichst schnell selbst helfen kann. Die Vereinten Nationen, seit sechs Jahren mit einer der größten Missionen präsent, haben einige Erfolge erzielt. Auch wenn diese unter Trümmern begraben liegen, gibt es keine andere Option, als wieder bei null anzufangen. Aber anders als vor über 200 Jahren will die Welt diesen Staat. So radikal ist Staatsaufbau noch nie versucht worden, wie er jetzt in Haiti versucht werden muss. Aber er kann gelingen – wenn die internationale Gemeinschaft genügend langen Atem beweist.

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