Im September 1843 kommt es in einem Geschäft der westfälischen Stadt Minden zu einem peinlichen Zwischenfall. Ein jüdischer Ladengehilfe bietet einer christlichen Frau beim Einkauf eine Oblate mit der Frage an: Ob sie auch einen Messias nehmen wolle? Das Ereignis sorgt für große Aufregung.

In den folgenden Nächten werden handgeschriebene Flugblätter verbreitet, auf denen sich Mindener über die angebliche Hostienschändung beschweren und zum "Verderben der Juden" aufrufen: "Christen! Der Jude fängt an, mit unserm grössten Heiligthume Spott zu treiben; er giebt den Kindern unsere Hostien, wodrin wir beim heiligen Abendmahle unsern Heiland verehren – zum Spott – sagt dabei: Hier habt ihr einen Messias. Fresst euren Heiland auf! – Schon das[s] ein Jude unsere Hostien verkauft ist eine Schande für die ganze Christenheit, nun noch dazu dieser Spott – das ist zuviel! – Verderben den Juden + diesen Verräthern unseres Heilands, diesen Blutsaugern der Christen. Der Jude arbeitet nicht und lebt bes[ser] wie wir, also fort mit diesem Ungezief[er], unser Vermögen hat er. Nöthiget ihn die[s] wieder abzugeben und dann: Marsch mi[t] diesen Müssiggängern!!"

Die Episode ereignete sich in einer aufgeregten Atmosphäre, welche die Stadt im Sommer 1843 in Unruhe hielt. Dafür sorgte Heinrich Eugen Marcard, der als einer der Ersten in Deutschland ein konservatives antisemitisches Programm formuliert hatte und Anhänger zu gewinnen suchte. Marcard, 1806 in Oldenburg i. O. geboren, war nach Jurastudium und Referendardienst als Garnisonsauditeur (Militärstaatsanwalt) in Minden in den Heeresjustizdienst eingetreten, wo er rasch Gleichgesinnte fand.

Das 8000-Einwohner-Städtchen an der Weser stand nicht gerade im Ruf großer Liberalität. "Minden ist eine feste Burg, / Hat gute Wehr und Waffen! / Mit preußischen Festungen hab ich jedoch / Nicht gerne was zu schaffen", dichtete Heinrich Heine, als er ein Jahr zuvor die Stadt besuchte und die Eindrücke in seinem Wintermärchen festhielt.

Als "politisch indifferente Festungs- und Regierungsstadt, in der nur Beamte und Soldaten und zum größten Teil von diesen Klassen abhängige Handwerker wohnen", kennzeichnete wiederum wenig später, in der Revolution 1848, der Mindener Gymnasiallehrer Theodor Hertzberg seinen Heimatort. Hertzberg schloss sich damals den Demokraten an und verlor seine Stelle. Ganz so düster wie von ihm und Heine geschildert war die Situation in Minden indes nicht. Denn unter den dort stationierten Offizieren befanden sich eine Reihe Leutnants, die sich 1848/49 zur Revolution bekannten. Schon 1844 hatten sie einen Lesezirkel gegründet, in dem "auflösende" Bücher diskutiert wurden, wie die Polizei feststellte.

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Doch nicht diese Offiziere wirkten mit ihren Ansichten auf die Mindener und die benachbarte Landbevölkerung, sondern Männer wie Marcard. Ihre antisemitische Propaganda griff auf uralte Feindbilder zurück, in denen sich ökonomische und religiöse Vorurteile verquickten. Für die Antisemiten im überwiegend protestantischen Minden waren die Juden "Verräter unseres Heilands" und "Blutsauger der Christen", die man "nötigen" sollte, ihr "Vermögen wieder abzugeben". Schon 500 Jahre zuvor, angesichts der Pestpogrome von 1348/49, hatte der Dominikaner Heinrich von Herford festgestellt, dass es die Gier nach dem Besitz der Juden – und nicht die Brunnenvergiftung – gewesen sei, die zu deren Vernichtung geführt habe.

Jetzt, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, wurde die Stimmung durch zwei Schriften Marcards angeheizt, die er mit einem Hauptmann von Scheele unter dem vielversprechenden Pseudonym Treumund Wahrlieb verfasst hatte. Ihre Titel: Über die Möglichkeit der Judenemanzipation im christlich-germanischen Staat (Minden und Leipzig 1843) und Darf ein Jude Mitglied einer Obrigkeit sein, die über christliche Unterthanen gesetzt ist? (Minden 1843). Die Schriften richteten sich nicht an ein intellektuelles Publikum, sondern an den einfachen Mann, wie der Untertitel des zweiten Werks verrät: Ein freundliches, schlichtes Wort zu dem deutschen Bürger und Landmann gesprochen. Dennoch versuchten sie an die Diskussion um die Gleichstellung der Juden in Deutschland anzuknüpfen, die seit den Tagen der Aufklärung die Gemüter bewegte.