In der Pariser Rue Jean-Pierre Timbaud können den Spaziergänger mulmige Gefühle beschleichen. Man muss nicht islamophob sein, um beim Anblick der bärtigen Männer und vermummten Frauen daran zu denken, dass hier, in der Nähe einer als radikal geltenden Moschee, vor anderthalb Jahren der islamkritische Autor Mohamed Sifaoui überfallen wurde.

Am vergangenen Samstag versammelten sich vor dem benachbarten Maison des métallos, einem linken Kulturzentrum, trotz strömenden Regens ein paar Hundert Aufrechte, um gegen eine neuerliche Attacke zu protestieren: Diesmal galt sie einer algerischen Dramaturgin namens Rayhana. Das Maison hatte ein Stück der Feministin aufgeführt, bestehend aus einer Unterhaltung zwischen Frauen in einem algerischen Hamam. Was die sich so erzählten, musste jenen Anhängern des Islam missfallen, die unter Rechtgläubigkeit die Unterdrückung der Frau verstehen.

Bereits Anfang Januar hatte ein Unbekannter der Autorin aufgelauert und ihr "mit maghrebinischem Akzent", wie sie sagt, Drohungen zugeraunt. Eine "Hure" sei sie, und "ungläubig" dazu. Am Dienstagabend vergangener Woche dann sei sie von zwei Männern festgehalten worden. "Sie sagten: ›Wir haben dich gewarnt‹, begossen mich mit Benzin und hielten eine brennende Zigarette dagegen" – die zündete aber nicht, der Regen war wohl zu stark.

Rayhana wäre nicht die erste Frau in Frankreich gewesen, der das Gesicht verbrannt wurde, weil sie sich zeigte. Sie verbirgt weder ihre prachtvollen Locken unter einem Schleier noch ihre Ansichten hinter angstvoll geschlossenen Lippen. Die Aufführung unmittelbar nach dem Angriff brachte sie couragiert über die Bühne: "Ich habe in Algerien die russische Schule des Theaters gelernt. Mein Lehrer sagte, ›Der Schauspieler muss selbst dann auf die Bühne, wenn er tot ist‹. Das Publikum wusste von nichts." Tags darauf gab es Zeitungsmeldungen und politische Manöver. "Stellen Sie sich vor", sagt sie im Interview, "der Minister für Immigration und nationale Identität wollte mich zum Essen einladen!" Ist sie hingegangen? "Unmöglich! So ein Ministerium im Land der Fraternité, das sagt doch wohl alles." Aber die "Identität"? Oh, sie liebe Frankreich, sei sogar mit einem waschechten Franzosen verheiratet. Der heiße Obermeyer.

Jahrelang habe sie für ihr Stück nur solche Produzenten gefunden, die "eine exotische Aufführung mit Couscous und Düften und badenden Araberinnen" wollten. Schließlich aber traf sie ihren jetzigen Produzenten, alles lief nach Wunsch, ausverkaufte Vorstellungen, Buchversion des Manuskripts, sogar ein Vertrag für die Übersetzung ins Deutsche – und dann, kurz vor dem letzten Vorhang, der Überfall.

Der ist auch deshalb besorgniserregend, weil er die Öffentlichkeit recht wenig bewegte. Dabei hätten nicht nur die Täter, sondern auch die nachfolgenden Proteste kritische Aufmerksamkeit verdient. In die Freiheitsparolen mischte sich Empörung gegen die "Überfremdung", und schnell ward alles zusammengerührt, die Republik, die Immigration, sogar der Streit um die Ganzkörperschleier. Die nämlich sollen womöglich verboten oder wenigstens ihre Trägerinnen sanktioniert werden. Und wieder geht es gegen die Frauen. Mit Rayhana hat das alles schon nichts mehr zu tun.