Um es gleich zu sagen: Autos bedeuten mir nicht viel. Sie sollen mich zuverlässig von A nach B bringen. Gut, das Ganze sollte möglichst bequem geschehen. Aber viel mehr erwarte ich nicht. Vielleicht lag es an dieser Haltung, dass ich zum Mercedes GL 350 von Anfang an ein zwiespältiges Verhältnis entwickelte. Er wollte zu viel – er schien mir permanent beweisen zu wollen, dass er der Boss sei.

Schon der erste Kontakt mit diesem zweieinhalb Tonnen schweren Geländewagen war merkwürdig erniedrigend: Als ich die Heckklappe schwungvoll schließen wollte, stieß ich auf Widerstand. Sie wollte nicht von mir geschlossen werden, das tat sie selber. Untätig musste ich zusehen, wie die Klappe automatisch langsam nach unten surrte. Der Boss stellte meine Geduld auf die Probe.

Am Steuer galt es dann, anstatt aktiv einen Schlüssel im Zündschloss zu drehen, eine läppische Start-Taste zu drücken – gerade so, als wollte ich einen Staubsauger in Gang setzen. Traute mir das Auto nur Hausarbeit zu? Bockig wollte ich durchstarten, doch das schwere Auto zog nicht mit. Von wendigen Manövern schien es nicht viel zu halten. Ich fügte mich und schlich durch die große Stadt. Der Boss hatte sich durchgesetzt.

Die Autotests aus dem ZEITmagazin © Zeit Online

Dann fuhren wir in die Berge. Auf der Autobahn trumpfte der Wagen – nun bis auf einen seiner sieben Plätze besetzt – mächtig auf. Seine enorme Größe zahlte sich insofern aus, als Teenager auf der hintersten Bank stundenlang unbemerkt die dritte Staffel von O.C., California auf dem Laptop schauen konnten. Der Boss machte sich Freunde im Fond.

Der Fahrerin jedoch wies er mittels der Distanzkontrolle wieder eine beschämend passive Rolle zu: Ist die gewünschte Distanz zum Vorderauto einmal eingestellt, bremst und beschleunigt dieser Mercedes von allein. Man muss nur noch lenken, was zu starkem Schlafdrang führen kann. Doch einmal gab sich der Boss eine Blöße. Er bremste auch, als sich ein Wagen seitlich näherte. Er will sogar dann führen, wenn es unsinnig ist.

In den Bergen Österreichs zahlte sich endlich seine Behäbigkeit aus. Der Boss ließ sich weder durch Kühe noch durch steile Straßen beirren. Nur einmal, nachdem er endlose Serpentinen gnadenlos hinaufgejagt worden war, brauchte er eine Verschnaufpause – es dampfte unter der Motorhaube. In diesem Auto ist man ständig versucht zu rasen – man fühlt sich so sicher, dass man das hohe Tempo nicht merkt. Drei Mal wurde die Testfahrerin auf der Strecke von wenigen Hundert Kilometern geblitzt. Offenbar gefällt dem Boss die Rolle des Verführers.

Ilka Piepgras ist Redakteurin beim ZEITmagazin