Am Eingang des Grand Palais in Paris versperrt eine Wand den Blick. Mehr als tausend rostige Eisenkästen sind aufgestapelt, spärlich beleuchtet, durchnummeriert. Was wartet dahinter? Rund 200.000 Altkleider liegen säuberlich zu Karrees gruppiert auf dem Boden, rostige Pfosten markieren die Ecken, daran Aufhängungen für Leuchtröhren und kleine Lautsprecher, die zusammen eine Art Eisenbahnlärm erzeugen. Der Besucher irrt durch die Flachlandschaft, blickt auf die Lagerplätze mit all den Sachen, die früher einmal menschliche Körper umhüllten, dann fällt sein Blick auf den Kleiderberg an der Stirnseite. Zwanzig Meter hoch, eine Pyramide, und darüber, an einem Kran, die große rote Stahlkralle. Sie senkt sich gravitätisch, greift ein paar Kleider, hebt sich wieder und lässt sie fallen. Im Flug wirken sie federleicht, scheinen zu leben, es sind Menschlein, vielmehr Seelen; sie sind die Personnes, das ist der Titel der Installation des Pariser Künstlers Christian Boltanski, und personne heißt auf Deutsch zugleich auch "niemand".

Personnes sei eine Oper und die 13.500 Quadratmeter überwölbende Architektur des Grand Palais deren Musik, so hatte Boltanski es angekündigt. Der aus der Belle Époque stammende Bau ähnelt mit seinen in grüner und gelber Schutzfarbe versehenen Stahl- und Glaskonstruktionen einer prachtvollen Bahnhofshalle, doch der Betonboden ist nackt, Reste weißer Markierungen sind zu sehen. Die Ausstellungshalle an der Seine diente den deutschen Besatzern als Lastwagendepot. Dieser Tage ist sie die Herberge der nunmehr dritten Monumenta . So heißt eine Serie jährlicher Ausstellungen zyklopischen Ausmaßes. Boltanskis Vorgänger waren Anselm Kiefer und Richard Serra. Sie stellten in der warmen Jahreszeit aus, aber Boltanski legte die Ausstellung in den Winter und schaltete die Heizung ab. Das Wetter spielt mit, in der Halle ist es todeskalt.

Raum für Assoziationen. Deutungen wurden schon viele gemacht, die Presse überkugelte sich förmlich, von Gott und Tod und Auschwitz war die Rede. Lässt sich alles nachvollziehen, aber die Gedanken sind frei, und die Wirklichkeit bietet noch mehr: Die Monumenta 2010 wurde am Morgen nach dem Erdbeben in Haiti eröffnet und wirkt jetzt wie ein melancholischer Kommentar zu den Bildern, die uns seither verfolgen. Die grünen Leuchttafeln, die vorschriftsgemäß auf die Notausgänge hinweisen, verspritzen ironisches Gift.

Der Tod ist das große Sujet des 65-jährigen Christian Boltanski. Genauer gesagt: die Sterblichkeit, also die Tatsache des Todes. Frühere Werke zeigten Fotos, Erinnerungsstücke, Überbleibsel aus dem Leben, die auf das Nicht-mehr-da-Sein verweisen. Boltanskis Familie war der Vernichtungswut der Nazis mit knapper Not entronnen. Und zwar dank einer List. Die Mutter ließ sich vom jüdischen Vater mit Getöse scheiden und versteckte ihn unter den Dielen des Fußbodens in der Wohnung. Christians älterer Bruder Luc, der große Soziologe, wusste damals von nichts und lebte vom verschwundenen Vater doch nur wenige Dezimeter entfernt.

Es sind Herztöne, die da reichlich übersteuert aus den Lautsprechern krächzen, das merkt der Besucher erst nach einiger Zeit. Wem sie wohl gehörten? Der Besucher kann seinen eigenen Herzschlag aufnehmen und für ein anderes Projekt Boltanskis registrieren lassen, für das Archiv des Herzens, das auf einer schwer zu erreichenden Insel in Japan eingerichtet werden soll.

Im Grand Palais werden oft Dinge gezeigt, an die sich die Frage heftet, ob das denn Kunst sei. Boltanski findet diese Frage uninteressant. Wenn es ihm gelänge, starke Gefühle zu erzeugen, dann sei er zufrieden. Ihm, der den herrschenden Kunstbetrieb mit seinen Auktionsrekorden und Mondpreisen ablehnt, ist auch die materielle Fortdauer seiner Kunstwerke unwichtig. Sie erzählten Geschichten, nur ihnen sei das Überleben zu wünschen. Die im Grand Palais gesammelten Klamotten der personnes werden nach dem Ende der Ausstellung in den Zyklus der Bedürftigkeit zurückkehren, dem sie entstammen.

Wer mag, kann sich anschließend ins MAC/VAL begeben, in das Musée d’art contemporain du Val-de-Marne in Vitry-sur-Seine. In dem modernen Flachbau erwartet den Besucher Boltanskis Ausstellung Après, auch sie ist ein Parcours. Er führt durch die Zeit nach dem Tod.

"Personnes" ist noch bis zum 21. Februar zu sehen. Geöffnet ist das Grand Palais montags und mittwochs von 10 bis 19 Uhr, donnerstags und sonntags von 10 bis 22 Uhr. Vom 24. Januar bis zum 21. Februar verkehren kostenlose Busse zwischen dem Grand Palais und dem MAC/VAL (Eintritt 4 Euro)