TROISDORF: Ein Schulleiter baut sein Gymnasium um

Wie still es ist, obwohl hier gerade um die 1100 Schüler versammelt sind, das fällt den Lehrern aus Köln als Erstes auf. Julia Conrad und Michael Walden sind zu Besuch an das Gymnasium zum Altenforst in Troisdorf gekommen, um sich anzuschauen, wie die Kollegen mit der auf acht Jahre komprimierten Gymnasialzeit umgehen. "Haben Sie eine besondere Schalldämmung?", fragt Conrad den Schulleiter am Altenforst. Gerhard Fischer schüttelt den Kopf und blinzelt. Seit 24 Jahren ist der 61-Jährige Schulleiter in Troisdorf. Gut drei Jahre ist es her, dass die ersten Rückmeldungen von Schülern, Eltern und Lehrern kamen, die davon berichteten, wie erschöpft die G8-Jahrgänge nach vollgestopften Vormittagen mit bis zu sieben Schulstunden waren. Seitdem ist am Altenforst vieles nicht mehr so wie zuvor. Schulstunden dauern jetzt 60 Minuten. An jedem Vormittag gibt es vier davon, danach eine Mittagspause von einer Stunde. An drei Nachmittagen in der Woche geht der Unterricht nach dem Mittagessen weiter. Die Schulklingel ist abgeschafft, die Klassenzimmer werden nicht mehr abgeschlossen – die Schüler können auch in den Pausen in ihren Räumen bleiben. Die Klassenzimmer haben Glastüren. "Wenn die Schule wirklich ein Lebensort sein soll, dann muss sie sich auch für ihre Schüler öffnen", sagt Fischer auf dem Weg in die provisorische Mensa. Nur im Foyer muss er sich bücken, um ein Bonbonpapier aufzuheben. Es drängelten sich eben nicht mehr 150 Kinder auf den Gängen, um auf ihre Lehrer und den Einlass zu warten. Probleme mit Lärm und Schmutz hätten sie kaum noch.

Gerhard Fischer aber will mehr: eine neue Kultur des Lernens. Dafür wurden lehrerzentrierte Sitzordnungen aufgelöst, es wurden Tafeln von der Mitte der Wand an die Seiten verschoben, Wochenpläne mit Arbeitsaufgaben für die Kinder entwickelt, die sie je nach Lerngeschwindigkeit bearbeiten. Der nächste Schritt: Fischer will den Ganztag offiziell einführen. Darüber entscheidet die Schulkonferenz – ein Gremium aus Lehrern, Eltern und Schülervertretern –, und die hat bereits dreimal gegen den gebundenen Ganztag am Altenforst gestimmt. Mit den Veränderungen durch das G8 habe es einen tiefen Einschnitt im Erleben von Schule gegeben, vermutet der Schulleiter.

Mit dem Schuljahr 2010/11 sollen in Nordrhein-Westfalen 216 Realschulen und Gymnasien zu Ganztagsschulen ausgebaut werden. Dafür will das Land diesen Schulen 20 Prozent mehr Lehrerstellen zur Verfügung stellen. Bereits heute bleiben Schüler der Stufen fünf und sechs an einem Nachmittag in der Schule. In der gebundenen Ganztagsschule würden sie auch an zwei weiteren Tagen über den Mittag hinaus in der Schule bleiben; Fischer stellt sich zum Beispiel vor, dass die Klassenlehrer dann alles, was mit dem Verhalten in Gruppen zu tun hat – das Üben von Rücksichtnahme und eigener Durchsetzungsfähigkeit –, endlich außerhalb des Fachunterrichts anpacken könnten. Und so geht es für ihn darum, Überzeugungsarbeit zu leisten – heute spricht er mit Vertretern des Lehrerrates. "Ich habe die Rückmeldung von Eltern, die befürchten, dann weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können", sagt eine Lehrerin und spielt mit ihrem Schlüsselbund: "Und ich sage das auch als Mutter."

"Ich höre von Eltern, die vermuten, selbst mit zwei Betreuungslehrern würde die Hausaufgabenbetreuung in großen Klassen schlechter funktionieren als eins zu eins zu Hause", sagt ihr Kollege.

"Wie viele Eltern betrifft das wirklich?", fragt Fischer. "Sicher nicht die alleinerziehenden Mütter."

Es ist ein Konflikt, in dem es für Lehrer und für Eltern darum geht, zu überprüfen, welche Rolle sie der Schule in ihrem Leben beizumessen bereit sind. Für den Schulleiter Gerhard Fischer geht es am Ende gut aus: Die Schulkonferenz stimmt für den Ganztag. Judith Scholter