Die Szene war für das Publikum gemacht. Sie galt den Fernsehkameras, den Blitzlichtern, den Karikaturisten. Vier gewichtige Wall-Street-Chefs mussten nach Washington anreisen, auf einer Anhörungsbank vor der zehnköpfigen "Finanzkrisenuntersuchungskommission" Platz nehmen und dreieinhalb Stunden lang Rede und Antwort stehen. Es ging um die Krise, um die Bonuszahlungen, um den Verbleib von Abermilliarden Dollar staatlicher Hilfsgelder, und hinter alldem stand die Frage: Wer war schuld? Das war am vergangenen Mittwoch. Obama hatte die Untersuchung angeordnet.

Endlich wird abgerechnet! Das war die Botschaft ans gemeine Volk, aber für Beobachter der Washingtoner Szene enthielt der Auftritt noch ein ganz anderes Signal. Auf der Vorladungsliste fehlte nämlich ein wichtiger Name: die Citigroup. Jener Finanzkoloss aus New York, der im Zentrum der großen Krise stand – und noch länger stehen könnte.

Wie kein anderer Konzern an der Wall Street hatte die Citigroup in den vergangenen Jahren für den Raubtierkapitalismus gestanden, für selbstherrliche Manager und für öffentliche Protzerei. Aggressiver als die Konkurrenz hatte die Citigroup riskante Kreditgeschäfte vorangetrieben und auf jene problematischen Immobilien-Wertpapiere gesetzt, die die Finanzmarktlawine ins Rollen brachten. Und kurz nachdem die Bank durch staatliche Milliardenhilfen gerettet worden war, jettete ihr ehemaliger Firmenchef Sandy Weill samt Familie in ein Luxushotel nach Mexiko, mit an Bord des Firmenflugzeugs "eine Bar, eine Auswahl exklusiver Weine, 13.000 Dollar teure Teppiche", wie die New York Post berichtete.

Warum wurde die Citigroup nicht vorgeladen? Soll da jemand geschont werden? Offiziell hat sich darüber noch niemand geäußert. Doch beim näheren Hinsehen stellt sich heraus, dass Barack Obama und etliche Schlüsselfiguren in seiner Regierung gute Gründe dafür haben, die Citigroup mit Samthandschuhen anzufassen. Und dass die neuerdings so bankenfeindliche Rhetorik des Präsidenten viel mit dem Wahlkampf zu tun hat und wenig mit der sonstigen Regierungspraxis.

Die Citigroup. Der Stolz der US-Finanzwirtschaft – bis 2008, als die Krise kam. Mehr als zwei Billionen Dollar Bilanzsumme, fast 400.000 Mitarbeiter, Geschäfte in mehr als 140 Ländern – damals noch. Doch als im Herbst 2008 schlagartig die Kreditquellen versiegten, drohte der Untergang. Allein in den letzten drei Monaten des Jahres 2008 verlor die Bank über acht Milliarden Dollar; im gesamten Jahr waren es 18 Milliarden Dollar, etwa so viel wie das Bruttoinlandsprodukt von Armenien oder Makedonien. Citi-Aktien, die einst 55 Dollar wert waren, konnte man jetzt für drei Dollar kaufen.

Der damalige Finanzminister Henry Paulson wies im Oktober 25 Milliarden Dollar Soforthilfe aus dem frisch gegründeten staatlichen Rettungsfonds Tarp an. Im Gegenzug erhielt der Staat sogenannte warrants von der Citi, eine Art Anteilscheine der Bank, auf die die Bank eine satte Dividende zahlte und die sie später wieder zurückkaufen sollte. Knapp acht Wochen später folgten weitere 20 Milliarden aus dem Tarp-Topf. Der Staat übernahm auch eine Bürgschaft für Schrottpapiere, die bei der Bank schlummerten. Der Wert: bis zu 306 Milliarden Dollar. Die Citigroup hing am Tropf.

Der neue Präsident machte gleich weiter, wo der Vorgänger Bush aufgehört hatte. Im Februar 2009, im zweiten Amtsmonat Obamas, wurden die Citi-Manager im Weißen Haus und bei Obamas Finanzminister Tim Geithner vorstellig und handelten ein für sie sehr vorteilhaftes Geschäft aus. Ein Teil der Hilfen, die ersten 25 Milliarden, werde nicht zurückgezahlt. Die warrants , die der Staat dafür als Gegenleistung erhalten hatte, wurden in schlichte Stammaktien ohne Extradividenden und ohne eine Rückkaufspflicht der Bank umgewandelt. Damit wurden die USA offiziell zum Großaktionär der Citi, mit vollem Kursrisiko, und die Citi war zu 38 Prozent ein Staatskonzern.