Deutschland ist reich an Salz. Das bezeugen Städtenamen wie Salzgitter, Halle oder Bad Reichenhall (mittelhochdeutsch Hall = Salz). Die Kali + Salz AG zählt zu den weltgrößten Lieferanten. Dennoch herrscht im Januar bundesweit Salzmangel.

In vielen Straßenmeistereien und Städten, ob in Lübeck, Berlin, Wuppertal oder Freiburg, sind die Depots leer. Weil hiesige Lieferanten den Bedarf nicht mehr decken konnten, wurden Schiffsladungen aus Sizilien, Marokko und Chile geordert. Millionen Tonnen Streusalz sollen in diesem Winter den Verkehr auf deutschen Straßen und Autobahnen sichern. Denn die Zauberformel des modernen Winterdienstes lautet: Weiß + Weiß = Schwarz. Salz auf Schnee schafft blanken Asphalt. Wie den Gemeinden ergeht es vielen eisfürchtigen Bürgern. Die griffen vermehrt zum Salz und stehen nun in den Baumärkten vor leeren Regalen: Streusalz ausverkauft.

Doch die neue Streulust der Deutschen erzürnt die Umweltschützer. Denn das "weiße Gold", einst so wertvoll, dass man damit Gehälter auszahlte (Salär!), ist ökologisch betrachtet ein Gift. Hoch dosiert schädigt es Bäume und Gewässer. "Salz gehört aufs Frühstücksei und nicht auf den Bürgersteig", mahnte Martin Ittershagen, Pressesprecher des Umweltbundesamtes. Die Naturschutzverbände fordern deshalb ein konsequentes Verkaufsverbot für Streusalz – wenigstens dort, wo der private Einsatz untersagt ist.

Tatsächlich haben viele Kommunen schon vor Jahren ein solches Streuverbot erlassen, darunter Hamburg und Berlin. So entstand eine widersprüchliche Situation: Was dem städtischen Räumdienst auf der Straße erlaubt ist, wird dem Anwohner auf dem angrenzenden Bürgersteig bei Strafandrohung untersagt.

Effektiv sind diese Verbote in der Praxis indes nicht. Auch die Forderung nach einem Verkaufsstopp erscheint wenig hilfreich. Denn im föderalistischen Deutschland ist der Winterdienst nicht von übergreifender Logik geprägt, sondern eher von lokalen Eigenheiten. Das schafft Spielraum für Ausreden. So verweisen die Baumärkte in Berlin (Streuverbot) darauf, dass Kunden aus dem nahen Brandenburg ja Streusalz privat einsetzen dürfen.

Dort weiß man auch, dass Streusalz die zahlreichen Alleebäume nicht gleich umbringt – dass aber schlecht gestreute Straßen tödliche Unfälle begünstigen. Also salzt man im Winter bis dicht an die Bäume. Und erträgt stoisch die sommerlichen Klagen der Alleenschützer, dass die Straßenbäume vermehrt gelbe Blätter abwerfen.