Für die Deutsche Börse begann das neue Jahr 2010 mit einem Fehlstart. Erst im Dezember hatte sie erstmals auch Anleihen in den Computerhandel über ihr Xetra-System aufgenommen. Keine fünf Wochen später war schon wieder Schluss damit. Zwei Börsenmaklerfirmen erwirkten vor dem Landgericht Frankfurt eine einstweilige Verfügung gegen die Neuerung. Diese bedrohe ihr Geschäft im traditionellen Parketthandel. "Wir wurden vom Gericht nicht einmal angehört", beklagt sich ein Börsensprecher. Erst später sollte das nachgeholt werden.

Die kleine Episode verrät zweierlei: Erstens ist der Handel mit Anleihen weniger automatisiert als der Handel mit Aktien. Zweitens ist er so interessant für die Deutsche Börse, dass sie versucht, Umsatz an den Maklern vorbei auf ihr eigenes System Xetra zu locken. Waren die Schuldscheine lange Zeit eher etwas für Spezialisten, so haben mittlerweile auch viele Kleinanleger das Geschäft mit Anleihen für sich entdeckt. "Unternehmensanleihen waren 2009 der Hit", sagt Hans Heinrich Peters, bis Ende vergangenen Jahres Vorstand der Börsen AG von Hamburg und Hannover und Professor für Wirtschaftsrecht an der Fachhochschule Hannover. Viele Anleger hätten sich im Krisenjahr 2008 mit Aktien – wieder einmal – die Finger verbrannt und sich deshalb nach alternativen Investitionsmöglichkeiten umgesehen. Gerne verleihen sie nun ihr Geld gegen Zinsen, an Staaten und noch lieber an Konzerne.

Tatsächlich nahm der gesamte Börsenumsatz mit Anleihen im Jahr 2009 um rund ein Zehntel auf 126 Milliarden Euro zu, während der Börsenumsatz mit Aktien um nahezu die Hälfte einbrach. Zugleich stieg das Volumen an in Deutschland neu ausgegebenen Unternehmensanleihen auf den neuen Rekordwert von 300 Milliarden Euro. Gut die Hälfte der Neuemissionen wurde trotz strengerer Anforderungen an die Verkaufsprospekte in der kleinanlegerfreundlichen Stückelung von 1000 statt 50.000 Euro auf den Markt gebracht.

Schwierig wird es für Kleinanleger jedoch, wenn sie mit derlei Anleihen handeln wollen: An Deutschlands Börsen halten sich die Möglichkeiten dafür in Grenzen – und selbst dort, wo gehandelt wird, ist das Sortiment im Vergleich zum Gesamtmarkt äußerst überschaubar.

Führend unter den deutschen Handelsplätzen ist Stuttgart

Als einen der Pioniere im deutschen Börsenhandel mit Anleihen sieht sich die Börse Stuttgart, die dafür 2003 das Handelssegment Bond-X gegründet hat. Dessen Modell ähnelt jenem, das in Frankfurt jetzt – vorläufig – verboten wurde. Für jede in Bond-X gehandelte Anleihe gibt es mindestens einen Market-Maker. Dieser muss den ganzen Tag über verbindliche Kauf- und Verkaufskurse stellen. Der Unterschied zwischen beidem, genannt Spread, darf dabei höchstens 75 Cent pro 100 Euro Nennwert betragen. Wer über Bond-X eine Anleihe kauft, kann sich also im Normalfall sicher sein, dass er, bezogen auf den Nennwert, dafür maximal 0,75 Prozent mehr ausgibt, als er bei einem Verkauf in der nächsten Sekunde bekommen würde – und umgekehrt. Zusätzlich gibt es einen Quality Liquidity Provider (QLP), der die Angebote des Market-Makers kontrolliert, gegebenenfalls selbst einspringt und aus Angebot und Nachfrage laufend die offiziellen Kurse bestimmt. Über all das wachen die börseneigene Handelsüberwachungsstelle sowie die Börsenaufsicht des Landes Baden-Württemberg.

Ein "Meilenstein" sei Bond-X gewesen, sagt Sabine Traub, Leiterin des Anleihenhandels beim Stuttgarter QLP Euwax und nach eigenen Angaben einst an der Einführung von Bond-X beteiligt. Zuvor, sagt sie, habe bei Anleihen für Privatanleger "völlige Intransparenz" geherrscht. Außerdem habe die Veröffentlichung verbindlicher Spreads dafür gesorgt, dass die Spreads "in ganz Deutschland dauerhaft enger geworden" seien. Heute sieht sich Stuttgart mit nach eigenen Angaben fast 31 Prozent Anteil am gesamten Börsenumsatz 2009 als Marktführer im deutschen Anleihenhandel. Der Rest verteilt sich demnach auf Frankfurt, Hamburg, Berlin, Hannover, Düsseldorf und München.

Diese anderen Börsen greifen jedoch an. In Frankfurt hat die Börse schon vor ihrem Versuch mit Xetra im Frühjahr 2007 die Segmente Prime Bonds und Select Bonds geschaffen, in denen die Makler ebenfalls verbindliche Angebote innerhalb enger Spannen machen müssen. In Düsseldorf gehören inzwischen gut 3000 Anleihen zum TÜV-geprüften Segment Quality Trading, seit Mitte 2009 lockt die Börse Anleger bei einigen sehr häufig gehandelten Papieren zusätzlich mit Spreads von höchstens 0,2 Prozent.