Eines Tages erreicht mich die Bitte, etwas über Kultur zu schreiben. Das Haus, in dem ich das nun tue, steht in der Nähe des Bodensees an einer schmalen Landstraße inmitten von Wäldern und Wiesen. Ich bin gerade von einem langen Spaziergang zurückgekehrt, auf dem ich an drei Kruzifixen vorbeikam. In dieser Gegend denkt man nicht groß darüber nach, sie gehören zur Landschaft, sind einfach da.

Das Zeichen ist inzwischen allseits so bekannt, dass sogar ein Japaner trotz der Tatsache, dass ein grausamer Martertod darauf dargestellt ist, nicht mehr erschrickt. Ein Mann, bis auf ein Lendentuch nackt, ist an Händen und Füßen mit langen Nägeln an ein Kreuz genagelt. Ich habe einmal einem Japaner erklären müssen, was die Buchstaben INRI über dem Haupt des Gekreuzigten bedeuten: Jesus von Nazareth, König der Juden. Letzteres musste ich näher erläutern, nicht allen Japanern ist bekannt, was Juden sind. Danach muss man versuchen, die Geschichte von einem Gott in drei Personen zu erzählen, von denen eine, in Gestalt einer Taube, eine Jungfrau befruchtet hat, die daraufhin einen Sohn gebar, der bis in alle Ewigkeit göttlich, während seines Aufenthalts auf Erden jedoch auch menschlich sein und an diesem Kreuz sterben sollte, um für die Sünden der Menschheit zu büßen.

Auch Sünde war nicht auf Anhieb ein klar fassbarer Begriff für meinen japanischen Gesprächspartner. Er verstand zwar schließlich, was das war, doch mit der Verbindung zum Kreuz tat er sich schwer. Damit waren wir quitt, denn zuvor hatte er mir erklären müssen, dass nicht alle Buddhas der Buddha sind und weshalb die japanische Göttin Kannon in Indien noch ein Mann war. Unser Gespräch kreiste schließlich um die Frage, ob man lieber zu einer Kultur gehören wolle, die einen Gemarterten als Symbol hat, oder ob man sich eher bei der zufrieden lachenden, ziemlich dicken, eindeutig heiligen, weltentrückten Figur wohlfühlt, der wir in Asien in Tempeln und in Europa in den Schaufenstern von Antiquitätengeschäften begegnen.

Kultur ist eine Abstraktion, bis man eine Geschichte erzählen kann, und jede Kultur hat ihre eigene Geschichte. Wo aber beginnt sie? Tausend Dinge könnte ich aufzählen, die alle auf irgendeine Weise mit Kultur zu tun haben, ein Streichquartett, eine Lateinstunde, ein barockes Taufbecken, eine griechische Theatermaske, ein Alfa Romeo, eine Wajangpuppe, ein Brioni-Anzug, eine Bar-Mizwa, eine steinerne Jizo-Votivfigur, eine mittelalterliche Handschrift, eine Verbeugung, eine Moschee, eine Radierung, ein Computer

Aber fällt die tödliche Spritze in einem amerikanischen Gefängnis auch darunter? Sie gehört schließlich zur amerikanischen Kultur, oder nicht? Und die Scharia? Das Läuten der Börsenglocke? Big Brother? Karneval? Das Songfestival? Frauenbeschneidung? Ein Duell? Die baskische Nationalhymne bei der Beisetzung eines Terroristen? Die Protokolle der Parlamentssitzungen? Der Koran-Film von Geert Wilders? Wann ist etwas keine Kultur? Ist "schlechte" Kultur auch Kultur? Ist eine radikal andere, als feindselig empfundene Kultur trotzdem Kultur?

Wenn man so will, kann man Kultur in Analogie zur Landwirtschaft als etwas definieren, das langsam gewachsen ist. Oder, im Hinblick auf das Resultat, als etwas, das so – und folglich nicht anders – gewachsen ist. Ich besuche für mein Leben gern archäologische Museen, wo auch immer. Das hat mich zwar nicht zu einem Archäologen gemacht, aber eines ist mir doch aufgefallen: Es fängt immer mit Pfeilspitzen an, ob bei den Germanen, den Koreanern, den Azteken oder den Kirgisen, es sind immer wieder die gleichen, manchmal staubigen Vitrinen mit den geschliffenen Schieferstücken oder gekerbten Muscheln, daneben unvorstellbare Jahreszahlen, soundso viele Jahrtausende vor Christus (der damit lange vor seiner Geburt, ohne es zu wissen, zu einem absoluten Bezugspunkt auch für Kulturen wie die chinesische oder ägyptische geworden ist, mit denen er nichts zu tun hatte). Diese Steinstücke in den Vitrinen sehe ich mir gern an, weil ich mir absolut sicher bin, ich würde sie niemals erkennen, sollte ich ihnen irgendwo auf einem Muschelpfad oder einem kiesbedeckten Spazierweg begegnen.

Schlimmer noch ist es mit den Schalen. Sie kommen in der Regel gleich nach den Pfeilspitzen und den ersten Beilen. Koreanische Schale, steht dann da, 3000 vor Christus, und ich weiß genau, auf dem Amsterdamer Trödelmarkt würde ich höchstens zwanzig Euro dafür bezahlen. Für den Rest meines Lebens würde diese Schale dann bei mir auf dem Schreibtisch stehen, bis dieser eine Kenner käme und sagte, weißt du eigentlich, was du da hast?