Ums Leben", wird die berühmte Patientin bald scharfsichtig erkennen, mache ihr Vater "einen Bogen wie um verpestete Häuser". Hofsekretär von Paradis, ein geadelter Wiener Beamter, ist mächtig stolz darauf, dass die Kaiserin seiner Tochter eine Pension gewährt. Die Kaiserin war von Fräulein Paradis’ Klavierspiel überwältigt und wohl auch voll des Mitleids. Denn das Fräulein ist zwar mehr als begabt, nämlich genial, aber seit seinem dritten Lebensjahr, seit einer Nacht der Albträume, leider erblindet. Schon viele Ärzte wurden vom ehrgeizigen Vater beauftragt, sich an ihrer Heilung zu versuchen, darunter der Leibarzt der Kaiserin, ein gewisser Doktor von Störck. Das Augenlicht kam nicht zurück; zurück blieben hingegen entsetzliche Narben auf der Kopfhaut des Fräuleins, die nun verdeckt sind von einem gepuderten Perückenungetüm, wie überhaupt der ganze Leib der jungen Frau durch Korsett, Schnüre, Rockschichten gezähmt und gefangen ist. Die schlimmste Einschnürung bedeuten für sie jedoch die Bevormundungen ihres Vaters.

Letzte Hoffnung verspricht der so schillernde wie umstrittene Arzt Franz Anton Mesmer (1734–1815), der dank seiner Methode des "Animalischen Magnetismus" allerlei Besserungen bei seinen Patienten vor den Toren Wiens bewirkt, ohne dass ihm, zu seinem Leidwesen, die Anerkennung der Zunft und der Kaiserin zuteil wird. Das Wunderkind Maria Theresia Paradis, genannt Resi, von seiner Blindheit zu heilen – und Mesmer ist überzeugt, das schaffen zu können –, erscheint ihm als einzigartige Chance, um endlich den Durchbruch am Wiener Hof zu erlangen. Die knapp Achtzehnjährige wird ihm eines Januarmorgens des Jahres 1777 vom Vater vorgeführt, ihre Augen erscheinen ihm "wie ein irre gewordener Automat", ihr Mund wirkt verschlossen, und so nimmt eine wundersame, ergreifende, aber auch traurige Geschichte ihren Lauf.

Man muss von einer Art Liebe sprechen, so heikel sie auch sei, und genau darauf konzentriert sich Alissa Walser in ihrem raffiniert komponierten Debütroman Am Anfang war die Nacht Musik . Historisch sicher ist, dass der Mozartverehrer Mesmer das musikalische Fräulein tatsächlich behandelt hat und dass die Heilung als missglückt gilt, als Scharlatanerie, als Betrug.

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Diese Perspektive teilt die Autorin definitiv nicht. Im Roman ist Mesmer ein Held wenn nicht der zeitgenössischen Wissenschaften (über die zu urteilen die Autorin sich nicht anmaßt) so doch ein Held der Einfühlung. Ein Mann mit guter Intuition und segensreichen Händen. Ein Mann, der den richtigen Schlüssel besitzt, um das verschnürte Fräulein aus der Albdruckkammer ihres Elternhauses zu befreien. Ein Mann, der "warme, weiche Bälle durch ihre Adern rollen" lässt. Der ihre Haut zum Glühen bringt. Ein Mann also, der sie in exakt jenes Leben einführt, um das ihr Vater "einen Bogen" macht.

Welche Anteile historisch verbürgt, welche literarische Zutat sind, kann nur ein Wissenschaftshistoriker klären. Zweifellos ist Mesmer, der Förstersohn vom Bodensee, der nach seiner Flucht aus Wien eine florierende Privatklinik in Paris betreiben sollte, ohne freilich auch dort von den Akademien anerkannt zu werden, ein interessanter Fall, über den entsprechend oft geschrieben wurde, von Stefan Zweig bis zu Peter Sloterdijk. Ein Roman aber kann keine wissenschaftliche Rehabilitierung bewirken. Warum also wählt eine zeitgenössische Schriftstellerin diesen Stoff? Und was sagt sie damit über unsere (und ihre) Gegenwart, außer dass wissenschaftshistorische Romane seit Daniel Kehlmanns Vermessung der Welt en vogue sind?

Entschieden stellt sich Alissa Walser auf Mesmers Seite, ohne – glücklicherweise! – den guruhaft okkulten Therapiemethoden beizupflichten. Vor einem elektromagnetisch aufgeladenen Zuber sitzend, lassen seine Patienten sich von Musik durchströmen, fassen einander bei den Händen, stöhnen, weinen, schreien, dass die Wände wackeln. Magnete werden ihnen auf den Bauch gebunden, dann fallen sie in erholsamen Schlaf. So geht es zu im Hause Mesmer; ein Mix aus Psychiatrie, Esoterik und Wellness.

Auffallend lebhaft zeichnet die Autorin ihre Nebenfiguren, angefangen mit dem eiskalten Hofsekretär Paradis, einem prächtigen Ekelpaket. Dann ist da Kaline, das schlampig-gutmütig-sinnliche Dienstmädchen im Mesmerschen Palais, deren vorurteilsfreie Berührungen die (noch) blinde Resi besänftigen (und nicht nur sie); oder Riedinger, der Geiger, der Resi ein Freund fürs Leben wird; oder die Jungfer Ossine, die die neue Patientin mit einer hysterischen "Crisis" erschrickt. Vor allem muss Anna genannt sein, die um zehn Jahre ältere, temperamentvolle Ehefrau Mesmers, eine reiche Witwe, die ihren Franz Anton auf zupackende Art begehrt und ihm eine zuverlässige Stütze ist, nicht nur in finanzieller Hinsicht. Anna, die einiges ertragen muss, etwa das Gerücht, ihr Mann treibe es wild mit Fräulein Paradis, wächst unter Alissa Walsers geschickter Feder zu beeindruckender Größe heran.