Es war still geworden um die Demokratiekritik, aber nun kehrt sie mit Macht zurück, sowohl bei konservativen wie auch bei linken Intellektuellen. Für den kapitalismusfreundlichen Mainstream der Konservativen besteht der Geburtsfehler der Demokratie in der Verwechslung von rechtlicher und sozialer Gleichheit. Weil alle "gleich" sein sollten, so tönt es von rechts, liege die parasitäre Masse der Versager und Abgehängten den Exzellenzen und Eliten leistungslos auf der Tasche. Die Mäßigen und Mittelmäßigen bremsten die Tatkraft der Besten und Tüchtigen, und so werde Deutschland eines Tages seine Wettbewerbsfähigkeit verlieren und in der Gosse der Weltgesellschaft landen.

Der radikale Sound der linken Kritik, so wie sie etwa von Slavoj Žižek oder Alain Badiou angestimmt wird, klingt völlig anders und hat doch eine ähnliche Pointe wie die Beschwerde von rechts. Die linke Kritik geht so: Weil westliche Demokratien nur Entscheidungen treffen, die auch dem Kapital gefallen, entsteht eine uniforme Gesellschaft, ein neoliberales Grau-in-Grau mit einem neuen Menschentyp, einsam, bindungslos und auf paradoxe Weise fröhlich-depressiv: "Unterm Strich zähl ich". Damit die Bürger nicht merken, wie gleichförmig ihr Leben geworden ist, gibt es den Lifestyle-Sektor, all die Mainstream- und Magazinjournalisten, die die kapitalistische Tristesse mit grellem Pop-Lack anmalen und Abwechslungen vortäuschen, die es gar nicht mehr gibt. Demokratie? Ja, eine gute Idee, sagen Žižek und Badiou. Aber sie operiert außerhalb der "Wahrheit"; sie erzeugt keine Alternativen mehr, ihre Ideen gleichen einander wie ein Ei dem anderen: Umverteilung von unten nach oben, Rückzug des Staates, Deregulierung, Privatisierung und so weiter.

In einem schmalen, hundert Seiten dünnen Bändchen hat sich nun auch der französische Philosoph Jean-Luc Nancy in den Streit um den Zustand der Demokratie eingemischt. Er empfindet ein ähnliches Ungenügen, und auch für ihn steht fest: Etwas stimmt nicht mehr mit der Demokratie, sie verliert ihren "Geist", sie wird mittelmäßig, sie wird nicht mehr "begehrt" und produziert zu viele Ähnlichkeiten – ihr fehlt das Lebendige. Schuld ist für Nancy aber nicht die Idee von Gleichheit und Gerechtigkeit; das sei die Propaganda der Gegenaufklärer, sie lehnt er ab. Schuld für die demokratische Lähmung sei vielmehr die unsichtbare "Herrschaft der Zwecke", die Macht der ökonomischen Vernunft. Sie schlägt alles mit Mittelmaß, mit negativer Gleichheit.

Diese These muss man erklären. Die moderne Demokratie und der Kapitalismus, schreibt Nancy, seien historisch fast zur selben Zeit entstanden. Von Anfang an stand die Demokratie deshalb unter Druck. Auf der einen Seite musste sie den freien Willen der Bürger repräsentieren und einen Raum für das "zweckfreie Leben" der Gesellschaft schaffen; auf der anderen Seite war sie genötigt, den gesellschaftlichen Reichtum zu mehren und die Verwertungsbedingungen des Geldes zu garantieren. Zwischen diesen beiden extremen Polen balancierte die Demokratie bislang, doch heute, schreibt Nancy, habe sie die Balance verloren. Das ökonomische Kalkül ist übermächtig, mehr noch: Es ist zum ersten "Beweger" der Politik geworden. "Wir sind Gefangene einer Vision von Politik als Bewerkstelligung." Und Bewerkstelligung heißt, dass die Politik einer ökonomischen Logik folgt und alles als "gleich wertig" behandelt – alles muss sich rechnen. "Der Kapitalismus, in dem oder mit dem, wenn nicht als welcher die Demokratie erschaffen wurde, ist in seinem Prinzip die Wahl einer Bewertungsmethode: der nach der Äquivalenz/Gleichwertigkeit. Der Kapitalismus ist Produkt einer Zivilisationsentscheidung: der Wert ist in der Gleichwertigkeit."

In der "Herrschaft der Zwecke" sieht Nancy auch den Grund dafür, warum so viele Bürger von der Demokratie enttäuscht sind. Sie sind es nicht deshalb, weil das demokratische System nicht funktioniert, sondern weil das Funktionale, das Ökonomische und "Gleich-Wertige" sich immer tiefer und immer unerbittlicher in die Gesellschaft hineinfressen. Anders gesagt: Enttäuscht sind die Bürger von der Demokratie, "weil sie keine politische Teilhabe am Unberechenbaren haben" und ihr Leben der Logik des Kalküls unterwerfen müssen. Der kostbare Raum der zweckfreien "Bejahung" schrumpft, der Raum des einzigartigen "Werts" und unvergleichlichen "Sinns".

Ohne Zweifel, Nancy träumt von einer ästhetischen Demokratie. Sie soll das Regime der kapitalistischen Zwecke in die Schranken weisen und das freie Spiel des "Ungleichwertigen" und "Wert-Losen" schützen – also all das, was sich nicht tauschen und nicht in Äquivalenten berechnen lässt, zum Beispiel Freundschaft, Liebe und Kunst, überhaupt das souveräne, das "unverzweckte", sich selbst "übersteigende" Leben. "Der Geist der Demokratie ist nichts weniger als gerade: der Atem des Menschen… der unendlich den Menschen übersteigt."

Mit anderen Worten: Nancy schwebt eine "egalitäre Aristokratie" vor, deren Reichtum und Vielfalt sich strikter rechtlicher Gleichheit verdankt. Nur in der Gemeinschaft der Gleichen ist Demokratie "geteilte Existenz", nur auf dieser Grundlage können die mannigfachen "Gestalten unserer Bejahungen und Wunschbezeugungen" zum Ausdruck kommen. Die Wahrheit lautet für Nancy deshalb nicht: "›Alles ist gleich viel wert‹ – Menschen, Kulturen Worte, Glauben." Die Wahrheit lautet für ihn: "Nichts ist gleichwertig."