Kann von Demokratie die Rede sein, wenn alle reden dürfen? Bedingt, wie Michel Foucault in seinen letzten am Collège de France gehaltenen Vorlesungen aus dem Wintersemester 1982/83 zu zeigen versucht. Dabei ist es vordergründig gerade nicht die philosophische Reflexion oder gar Legitimation bestimmter Staatsformen, der er auf der Spur ist. Ganz im Gegenteil verschreibt sich Foucault in diesen kürzlich auf Deutsch erschienenen Vorlesungen lediglich den Einsatzmöglichkeiten des konkreten Wahrsprechens in etablierten politischen Ordnungen. Es müsse möglich sein, der Politik die Wahrheit zu sagen, ohne die Wahrheit der Politik zu sagen.

Als Garant dieser Unterscheidung dient dem Autor die antike Figur der parrhesia: der Redefreiheit, der Freimut, des Aufbegehrens oder eben auch des Wahrsprechens, deren politisches Potenzial er von Euripides über Platon und Plutarch bis hin zu Kant auslotet. Den Parrhesiasten will er als ein Selbst begriffen wissen, das sich durch Besonnenheit, Mut und Risikobereitschaft auszeichnet. Er mische sich in tagespolitische Belange ein, infiziere seinen Protest aber niemals mit der eigenen philosophischen Reflexion. Nicht ohne Penetranz beharrt Foucault auf dieser Trennung: "Die Philosophie hat nicht zu sagen, was in der Politik geschehen soll." Es sei kein Verhältnis der "Kongruenz", sondern das einer "widerstrebenden Exteriorität", in dem sich die parrhesiastische Philosophie der Politik gegenüber befinde.

Die philosophische Fundierung politischer Strömungen und Systeme hat sich für ihre jeweiligen Befürworter oft genug als blamable Angelegenheit erwiesen. Insofern sollte man Foucaults Aufruf zur philosophischen Enthaltsamkeit in der Politik nicht von vornherein belächeln. Indem er auf eine Analyse historischer Formen der Vermengung von Philosophie und Politik aber so gut wie ganz verzichtet, stellt man sich über weite Strecken die Frage, wogegen er eigentlich spricht.

Dennoch wäre es naiv, Foucault über 500 Seiten der ideologischen Demut zu verdächtigen. Immer wieder betreibt er mithilfe der parrhesia genau das, was der Parrhesiast bleiben lässt: politische Theorie. Zur athenischen Demokratie etwa hält er fest, dass sie die parrhesia zwar ermöglicht, dass die parrhesia ihr aber unmittelbar eine fundamentale Ungleichheit eingetragen habe. Und von dieser Ungleichheit weit eher als von der Gleichheit aller hänge das Gelingen der Demokratie auch nachhaltig ab. Schließlich sei der parrhesia der Mut zum Risiko und zur Exklusivität immanent. Vor allem neu zugelassene Bürger Athens drohten in ihrem Sprechen indes allzu leicht nur die Meinung der Mehrheit zu reproduzieren. Sie seien falsche Parrhesiasten und stellten damit eine Gefahr ausgerechnet für jene Staatsform dar, die sie zum Reden gebracht habe.

Foucault lässt es sich nicht nehmen, "in einer Zeit, nämlich der unseren" – und somit vor einem Vierteljahrhundert – an dieses Paradox zu erinnern. Keineswegs aber weist er einen Weg, es zu durchbrechen. Es ist dieser doppelte Gestus, der seinen Ausführungen Aktualität verleiht.

Langsam spricht es sich herum, dass es eine Dummheit der Informationsgesellschaft war, sich eine Belebung der Demokratie von der bloßen Zunahme an öffentlichen Redemöglichkeiten zu versprechen. Je mehr geredet wird, desto mehr wird auch das Gleiche gesagt. Die Inflationierung so unsäglicher Begriffe wie "Streitkultur" führt deutlich vor, dass sich mit ihnen nie die Bereitschaft zur Abweichung von gängigen Meinungsmustern verbunden hat. Eindämmen lässt sich der diskursive Einheitsbrei mit demokratischen Mitteln wiederum ebenfalls nicht. Er ist Bedingung und Gefährdung der Demokratie in einem.

Die Zumutung dieser Binsenweisheit gilt es aber selbst dann noch auszuhalten, wenn sie auch ihrerseits eines Tages weltweit gebloggt und getwittert wird. Für diese Erkenntnis hätte man Foucault nicht unbedingt gebraucht. Aber es ist doch schön, ihn immer noch an Bord zu haben.