Die Frage: Marlene und Karl leben seit vier Jahren zusammen. Sie hat gerade einen sehr gut bezahlten Job gefunden. Allerdings mit einem befristeten Vertrag, der nur verlängert wird, wenn sie voll einsatzfähig ist. Gerade hat sie eine Schwangerschaft festgestellt. Die Verhütung hat versagt. Zu einer anderen Zeit wäre das kein Problem, aber jetzt würde es wohl Marlene den Job kosten. Karl sagt, er würde zu ihr und dem Kind stehen, aber er verstehe es auch, wenn sie jetzt keine Schwangerschaft möchte. Mit seinem Gehalt alleine würde es für die Familie sehr eng. Marlene ist unschlüssig. Sie will irgendwann Kinder, aber dann möchte sie sich auch wirklich um sie kümmern. Eine Freundin macht ihr die Entscheidung noch schwerer. Sie sagt, sie habe gelesen, eine Beziehung, in der ein Kind abgetrieben würde, verliere ihre Gefühlsgrundlage.

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Wolfgang Schmidbauer antwortet: Die seelische Belastung durch eine Abtreibung lässt sich nicht voraussagen. Auch von der besten Freundin nicht. Es ist ein zivilisatorischer Fortschritt, solche Eingriffe nicht mit Strafen zu belegen, aber auch ein Verlust an Menschlichkeit, sie zu banalisieren. Wo immer es möglich ist, soll man eine Abtreibung vermeiden. Aber ich halte nichts davon, durch düstere Prophezeiungen nachzuhelfen. Die Praxis lehrt, dass manche Paare die Unterbrechung einer Schwangerschaft gut verkraften, vor allem, wenn sie nachher noch gemeinsame Kinder haben. Andere scheitern daran. Meist dann, wenn es der Frau später nicht mehr gelingt, ihr Wunschkind zu empfangen. Oder der Partner der unschlüssigen Schwangeren das Gefühl vermittelt, dass er vor allem das eigene Wohl im Sinn hat.

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