Ich habe schon wieder eine Idee für einen tollen, garantiert super verkäuflichen Titel des sterns oder auch des ZEITmagazins. Eine Freundin sagte, dass man in den Zeitschriften und in den Kolumnen der Sexualratgeber sehr oft etwas über den "vorgetäuschten Orgasmus" lese, der angeblich ein vornehmlich bei Damen verbreitetes Massenphänomen sei. Sehr oft und von der deutschen Publizistik bis heute unbemerkt, gebe es aber auch das gegenteilige Phänomen, nämlich den "vertuschten Orgasmus". Ihr selber sei es erst vor einiger Zeit widerfahren, dass sie, ein dem Leben zugewandter Single, mit einem Mann, einer neuen Bekanntschaft, die ihr anfangs interessant und vielversprechend vorkam, in dessen Wohnung gegangen sei. Im Laufe des Abends sei ihr dieser Mann aus verschiedenen Gründen immer unsympathischer geworden. Sie habe aber, ebenfalls aus verschiedenen Gründen, beschlossen, nicht etwa das Weite zu suchen, sondern sich auf eine, den Umständen entsprechend wohl einmalige intime Begegnung einzulassen. Sie habe einen Orgasmus gehabt, diesen aber vertuscht, weil sie diesem geschwätzigen Angebertyp ihren Orgasmus nicht zu gönnen bereit war. Er sei hinterher auch erfreulich deprimiert gewesen wegen seiner erfolglosen Bemühungen.

Als sie in den folgenden Wochen mit Freundinnen sprach, erfuhr sie, dass so etwas alle Tage vorkommt. Eine verheiratete Freundin habe berichtet, dass sie, worüber sie sich keineswegs beklage, recht schnell und problemlos zum Höhepunkt gelange. Ihr Mann aber stelle kurz danach all seine Bemühungen um sie ein, weil Männer, wenn sie etwas erledigt haben, diese Sache gern abhaken und sich der nächsten Aufgabe zuwenden. Seit sie jedoch ihren Orgasmus vertusche, lasse ihr Mann, der ein Perfektionist und sehr ehrgeizig sei, stundenlang nicht mehr von ihr ab, was ihr natürlich eine ganze Weile lang gefalle, bis sie endlich dann doch genug habe und ihm, lange nach dem echten Eintritt des Ereignisses, einen Orgasmus vorspiele.

Da hatte ich die Idee für den Titel mit lauter Frauenporträts, von Fürstin Gloria über Alice Schwarzer bis Veronica Ferres, und dem schräg gedruckten Titel: "Ich habe vertuscht!" Bei uns, im ZEITmagazin, könnte man die doppelte Titelseite nutzen, um auf der zweiten Seite die enttäuscht, verärgert, wütend oder einfach nur wahnsinnig traurig dreinschauenden Gesichter der getäuschten Partner zu zeigen. Nun fühlte ich mich in dem Gespräch gedrängt, ebenfalls etwas Intimes preiszugeben. Ich gestand, dass ich in der Toilette einer Autobahnraststätte, zum ersten Mal seit vielen Jahren und ohne Kaufabsicht, einen Kondomautomaten betrachtet hatte.

Dabei fiel mir ein Produkt auf, das "Travel Pussy" hieß, drei Euro kostete und bei dem es sich offenbar um eine Nachbildung der weiblichen Intimzone für eilige Reisende handelte. Es gab, zum gleichen Preis, übrigens auch einen Einwegvibrator. Statt an diese Entdeckung kulturpessimistische oder zivilisationskritische Betrachtungen zu knüpfen, habe ich, als der Neugierde verpflichteter Journalist, in meinem Computer den Begriff "Travel Pussy" gegoogelt. So fand ich heraus, dass es bei dem Internethändler Amazon, neben den Schriften von Spinoza, der Hildegard von Bingen oder auch meinen eigenen Werken, Travel Pussys zu kaufen gibt, und zwar für vier Euro, versehen mit dem Hinweis, dass Kunden, die diesen Artikel erworben haben, überdurchschnittlich häufig ebenfalls den Film Batman begins kaufen.

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