Schnitt und Gegenschnitt: In Dresden predigt die neue EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann zu Neujahr "mehr Fantasie für den Frieden", am Montag richten Selbstmord-Killer in Kabul ein Blutbad an. Welche Fantasie kann Frieden in die Köpfe von Menschen tragen, denen der Tod alles ist, auch der eigene?

Das ist keine rhetorische Frage. Sie rührt an den Kern der Botschaft, die die Bischöfin seit Weihnachten verbreitet: dass der Krieg in Afghanistan "in keiner Weise zu rechtfertigen" sei, ja dass es "keinen gerechtfertigten Krieg" gebe. Selbst der Krieg gegen Nazideutschland findet keine Gnade vor ihren Augen. Es wäre besser gewesen, die "Opposition in Deutschland" zu stärken, die Auschwitz-Gleise zu bombardieren. Welche Opposition? Jene Menschen, die von 1933 an im KZ saßen, die 1944 in Plötzensee gehängt wurden? Ein paar verbogene Gleise hätten die Völkermord-Maschinerie im gesamten Osten lahmgelegt?

Es gibt tausend gute Gründe, den Afghanistankrieg anzuzweifeln; der blanke Pazifismus aber gehört nicht dazu. Im kalten Licht des klaren Denkens betrachtet, ist Pazifismus keine moralische Haltung, sondern deren Verweigerung. Moral ist immer Selbstquälerei – das schmerzhafte Abwägen von Werten. Wer aber einen Wert – hier: die Friedfertigkeit – zum höchsten erhebt, der sagt damit ungewollt, dass alle anderen Werte nicht zählen – die Freiheit, die Gerechtigkeit, der Schutz der Schwachen, die Abscheu vor Gewaltherrschaft. Konsequenterweise muss er/sie auch Sklavenaufstände oder die Befreiungskriege gegen Napoleon und die Kolonialmächte verdammen, von den Verteidigungskriegen gegen Hitler und Hirohito ganz zu schweigen. Apropos Schweigen: Das müsste sich auch über Darfur und Ruanda legen.

Waffen können keinen Frieden schaffen? Der Sieg gegen Napoleons und Hitlers Imperialismus hat Europa jeweils die längsten Friedensepochen seiner Geschichte verschafft, unterbrochen bloß durch eingehegte Waffengänge auf der Krim oder im Kosovo. Aber selbst wenn die Geschichte solche Weisheiten nicht durchlöchert hätte, was würde daraus für Afghanistan folgen? Der "geordnete Rückzug", wie Käßmann meint, eine "zivile Lösungsstrategie"? Natürlich kann ein Vegetarier sehr zivil mit einem Kannibalen über das gemeinsame Nachtmahl verhandeln; dabei sollte er aber das Küchenmesser nicht als Vorleistung abgeben.

Den Unterschied zwischen Predigt und Politik hat der Grüne Ralf Fücks mit einer schlichten Wahrheit erläutert: "Wer prinzipiell gegen den Einsatz militärischer Macht ist, überlässt denen das Feld, die keine Skrupel haben." Ganz praktisch: Die Überzeugungskraft des Friedfertigen steigt mit der sinkenden Chance des Kriegswilligen, durch Terror und Gewalt zu obsiegen.

"Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand", heißt es in der Bergpredigt. Das ist Pazifismus in einem Satz. Wer dem im eigenen Leben gehorcht, verdient höchstens Respekt, weil er auch die übelsten Konsequenzen, selbst seinen Tod, zu ertragen bereit ist. Aber wenn anderen Böses getan wird? Wegschauen, weggehen, auch wenn man helfen kann? Das ist Verantwortungslosigkeit, das Gegenteil von Moral.