Meißen, heißt es, sei die Wiege Sachsens. Meißen ist, wenn man so will, auch Sachsens Bahre. Sehen Sie, sagt Jörg Schaldach, 46, seit 19 Jahren Geschäftsführer des Meißner Krematoriums, so sieht es aus: das Feuer eines Menschen. Gleißendes Licht am Lebensende. Ein Körper brennt. Ein letztes Leuchten bei 900 Grad. Ein Mensch verglüht, ein Leib wird Geschichte. 989 Grad. Noch zehn Minuten, sagt Schaldach, "sehen Sie, dieses Weiß!". Es bedeutet, 1020 Grad, dass es bald vorbei ist. "Irgendwann", sagt Schaldach, "fällt jeder nach unten." Wenn der Körper dann Asche ist. Ein Rest Mensch, abzufüllen in ein Gefäß zum stillen Gedenken.

Da hält der Mensch sein Leben lang das Feuer in Schach. Und am Ende besiegt es ihn doch.

Meißen, das ist die Stadt des Porzellans und des Weins und der Burg. Doch Meißen ist auch das Ziel so vieler letzter Reisen. Sie führen in den kommunalen Eigenbetrieb Bestattungswesen. Zum Komplettdienstleister in Fragen der Todesbewältigung, in die Nossener Straße 38, seit fast einem Jahrhundert. Zu ihm gehört eines der meistbeschäftigten Krematorien der Republik.

Gerade ist Musik in Schaldachs Ohr, die Feuerbestatter der Frühschicht hören Radio: Wartezeit, die nächsten Särge stehen vor den Öfen, darauf, mit Kreide, Namen für den Grabstein: Heinz Lehmann. Gerti Haase. Auch der Name wird zu Staub. Abba singt Fernando : "We were young and full of life and none of us prepared to die." Niemand ist vorbereitet auf den Tod. Die Öfen summen. 40 Verstorbene pro Schicht.

Diesen Ort wird nur verstehen, wer seine Scheu ablegt. Wer immer an das Sterben denkt, kann es keine Stunde mit dem Tod aushalten. Wer täglich mit dem Tod umgeht, sagen die Männer, die hier arbeiten – der geht mit dem Leben anders um. Am Ofen hängen Wandkalender. Es sind die gleichen wie in Autowerkstätten, nur dass sich die Frauen hier nicht vor Felgen oder auf Motorhauben räkeln, sondern vor Särgen posieren.

"Der Tod ist bei uns nebensächlich", sagt Jörg Schaldach, "was wir machen, ist Technik". Die Pietät dürfe man darüber nie vergessen. Über jeden Toten nachzudenken jedoch wäre fatal.

Dieses Krematorium ist ein Großbetrieb der Todesabwicklung. 1000 Einäscherungen jeden Monat, in einer Kleinstadt von 28.000 Seelen. Stets 100 Leichen im Kühlraum. 20 Angestellte arbeiten in drei Schichten, "rund um die Uhr fahren wir ein", sagen sie, was technisch klingt, elend, verdorben, wir fahren ein, im Schichtsystem, wir verbrennen, ist der Ofen heiß genug, wo könnten wir noch Energie sparen? Geht es um Verstorbene? Um tote Seelen? "Der tote Körper ist ein leeres Haus", sagt ein Bestatter.

Das Krematorium, erbaut 1931 kurz vor Beginn finsterster Zeiten am Frauenkirchfriedhof, operiert in einem wachsenden Markt. Deutschlandweit hat sich seit der Wende der Anteil der Feuerbestattungen verdoppelt. Man äschert im Westen, man äschert im Süden, man äschert vor allem im Norden und Osten ein. Neun von zehn Sachsen enden so.

"Natürlich empfehlen wir als Günstigste den Preisvergleich", sagt Schaldach. "Wenn Sie ein Auto kaufen, schauen Sie ja auch, was es kostet." In Anzeigen wirbt er mit "15 guten Gründen, sich für uns zu entscheiden". Drittens: "Ausgeprägtes Preis-Leistungs-Verhältnis".