Es gibt Momente, da kann es einem um den Freistaat angst und bange werden. Als Sven Morlok, der neue Wirtschaftsminister der FDP, in der vorigen Woche vor das handverlesene Publikum des Dresdner Debattierklubs Forum Tiberius tritt, ist wieder so ein Moment gekommen. Der Diplom-Kaufmann, der nach 20 Jahren im Osten noch immer erkennbar schwäbelt, versucht sich im freien Reden. Morlok soll seine Meinung zum Zusammenspiel zwischen Wirtschaft und Kultur darlegen – und schafft es auch in zehn Minuten nicht, einen Gedanken zu formulieren, den man wiedergeben könnte. Stattdessen produziert er Wortsalat. Unfreiwillig komisch, milde ausgedrückt. An die verbalen Ausrutscher von Edmund Stoiber erinnernd, die als Videoschnipsel im Internet kursieren. Was Morlok politisch sagen will, bleibt völlig wolkig.

Seit etwas mehr als hundert Tagen ist Sachsens neue Regierung im Amt. Sie ist leise, einvernehmlich und harmonisch gestartet, nachdem sich bereits in der Endphase des von Ministerpräsident Stanislaw Tillich präsidial geführten Wahlkampfes abgezeichnet hatte, dass die Liberalen um Frontmann Holger Zastrow der CDU-Wunschpartner sein würden. Nach wenigen Tagen war der Koalitionsvertrag fertig. Von Dresden sollte kurz vor der Bundestagswahl ein Signal in die ganze Republik ausgehen: Das Land sei reif für eine schwarz-gelbe Führung.

Wie aber präsentiert sich der Juniorpartner FDP in seiner neuen Rolle? Können die Liberalen, die noch vor einigen Jahren eine Splittergruppe waren und die in Sachsen weithin beachtete zehn Prozent holten, kann diese jugendliche Truppe eigentlich von null auf hundert Regierung? Was bedeutet es, wenn der Landes- und Fraktionsvorsitzende Holger Zastrow Liberalismus wieder "sächsisch buchstabieren" will?

Aus der Sicht des 41-Jährigen, der neben seiner politischen Arbeit noch eine Werbeagentur führt, fällt die erste Bilanz naturgemäß positiv aus. Im Gegensatz zu der im Bund. Den knapp 80 Parteimitgliedern, die es trotz Unwetters Daisy zum sächsischen Dreikönigstreffen ins Bautzener Theater geschafft haben, ruft er vollmundig zu: "Uns unterscheidet fundamental von Berlin, dass in Sachsen Parteien miteinander regieren, die miteinander können, die miteinander wollen." Und er setzt noch eins drauf: "Die Berliner Koalitionäre sollen sich eine Scheibe von uns abschneiden. Ich fordere die Berliner auf, sich endlich zusammenzureißen."

Mediengerechte Worte hat der smarte Selfmademan Zastrow, der aus einem Dresdner Lehrerhaushalt stammt und nur einige Semester BWL studiert hat, noch nie gescheut. In Berlin wird um eine Steuerreform, Strategien für den Afghanistan-Einsatz, um die Sicherheit an Flughäfen und Nachbesserungen von Hartz IV gestritten. Derweil haben die Liberalen, die neben dem Wirtschafts- auch das Justiz- und Europaministerium besetzen, hierzulande durchgesetzt, dass Autowaschanlagen und Videotheken bald auch sonntags geöffnet sein können. Dass Kindern und Jugendlichen bis zum Alter von 16 Jahren ein freier Museumseintritt garantiert ist. Sie haben das sächsische Bildungsgesetz dahingehend geändert, dass nun nicht nur nach vier, sondern auch nach sechs Jahren eine Bildungsempfehlung an die Schüler ausgegeben wird – im Wahlkampf noch hatten sie eine Bildungsreform gefordert, die stark ans DDR-Schulsystem angelehnt war.

Zurzeit basteln sie an einer Verschärfung des Versammlungsrechts, mit dem historisch bedeutende Orte wie die einst zerstörte Dresdner Innenstadt oder das Leipziger Völkerschlachtdenkmal an Gedenktagen vor Aufmärschen Rechtsradikaler geschützt werden sollen.

Wo genau also soll sich die Bundesregierung da eine Scheibe abschneiden?

Wenige Tage nach dem Dreikönigstreffen im Liberalen Haus in Dresden: Es ist Zastrows Geburtstag. Aber ein Tag wie jeder andere, wie er selbst meint, als er in einem schwarzen Ledersessel im Wintergarten Platz nimmt. Neben ihm steht ein großes Foto, das die hiesigen Parteigranden auf Motorrädern zeigt. Der Wahlkampf wurde auf solchen schweren Maschinen bestritten. Zastrow selbst fährt eine Kawasaki Ninja, 900 Kubikmeter Hubraum, 143 PS.

Trotz dieser schneidigen Auftritte aber ist die FDP in Sachsen für Zastrow keine Partei der Besserverdienenden, sondern programmatisch eine "Volkspartei". Dieser Leitgedanke zieht sich wie ein roter Faden durch seine strategischen Überlegungen. Er richtet sie damit eindeutig anders aus als seine westdeutsch geprägte Mutterpartei. Und er begründet das mit 1989, seiner politischen Geburtsstunde, wie er sagt: "Die Friedliche Revolution war in Wahrheit eine Liberale Revolution."