Das Ötztal ist weltberühmt für seine Skipisten – und für seine Eisopfer. Vor fast 20 Jahren hat es "Ötzi", die Gletschermumie, in die Schlagzeilen geschafft. Vergangene Woche waren ein paar im Schnee begrabene Tiroler Schweine der New York Times eine Titelzeile wert. Der erfrorene Mann vom Hauslabjoch lockte viele Touristen nach Österreich. Die "Lawinen-Schweine" hingegen bereiten nichts als Ärger.

Der Anästhesist Peter Paal von der Medizinischen Universität Innsbruck hatte einen Tierversuch geplant. Im Ötztal sollten 29 Schweine im Dienste der medizinischen Wissenschaft und zum Nutzen zukünftiger menschlicher Lawinenopfer ihr Leben lassen. Die Sache war von der Tierschutzkommission im Wissenschaftsministerium genehmigt, das Zelt in der Nähe des Bergdorfs Vent aufgeschlagen, und die ersten Schweine steckten schon in der Schneegrube.

Dann wurde die Sache ruchbar, es begann der Aufstand der Tierschützer. Allein auf Peter Paal hagelten 30000 Protest-E-Mails nieder. Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten erstattete Anzeige wegen Verdacht der Tierquälerei. Der Tierschutzverein Österreich riet den Forschern giftig zum Selbstversuch: Sie sollten sich doch persönlich eingraben, ihre Kollegen dürften dann die Ergebnisse auswerten.

Haben die Tierschützer recht? Wollten sich hier ein paar Wissenschaftler mit fragwürdigen Experimenten profilieren?

Auf den ersten Blick wirkt die Versuchsanordnung tatsächlich ein wenig bizarr. Narkotisierte Schweine, die unter den Augen eines internationalen Forscherteams langsam erfrieren und ersticken. Lebendig begraben zu werden – allein die Vorstellung weckt menschliche Urangst. "Dieser Versuch gehört sicherlich zum Widerwärtigsten, das jemals unter der Prämisse der Forschung stattgefunden hat", sagt Marion Löcker vom Tierschutzverein Österreich. Den Nutzwert der Untersuchung streitet sie schlichtweg ab. "Es wird sicherlich keinen Lawinenverschütteten retten, wenn man weiß, wie lange ein Schwein in einer Luftblase unter einer Lawine überleben kann."

Eine Typologie der Katastrophen. Klicken Sie hier, um die Infografik zu öffnen © Foto: Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images; Grafik: Dieter Duneka

Sicher ist, dass es in der medizinischen Versorgung von Lawinenopfern noch viele offene Fragen gibt: Woran stirbt der Verschüttete: an Unterkühlung, an Sauerstoffmangel oder einer Kohlendioxidvergiftung? Warum sterben viele Lawinenopfern noch nach ihrer Rettung an einer Gehirnschwellung? Wie erkennt man, ob jemand den Unfall überleben wird? Die Datenlage ist mager, denn Ärzte können schließlich nicht mitten in einem Rettungseinsatz die Lawinenopfer mit Messsonden versehen.

Auch Volker Wenzel hat schon Lawinenopfer wiederbelebt und ist deshalb dringend an Antworten auf die vielen Fragen interessiert. "Wenn wir nichts wissen, können wir nichts verbessern", sagt der Narkosearzt von der Universität Innsbruck, der an der Studie beteiligt ist. Es gebe aber Hinweise darauf, dass ein Anstieg des Blutdrucks im Lungenkreislauf das zentrale Problem für das Überleben nach der Rettung sei. Bestätigt sich die Theorie, verbessert möglicherweise eine seltsam anmutende Behandlung die Überlebenschancen der Lawinenopfer. Sie müssten nach ihrer Bergung ein ähnliches Präparat wie die Erektionshilfe Viagra bekommen. Das hat sich in anderen Fällen von Lungenhochdruck bereits bewährt.

140 Lawinentote gibt es jedes Jahr weltweit. Lässt sich für diese kleine Zahl von Opfern der Tod von 29 Schweinen rechtfertigen? Volker Wenzel gesteht ein, dass der Aufwand groß sei. Aber möglicherweise ließen sich die Ergebnisse allgemein auf Fälle mit Unterkühlungen ausweiten: "für Menschen, die in die Nordsee gefallen sind oder in Hamburg auf dem Pflaster liegen".

Mit dem vehementen Widerstand der österreichischen Tierschutzszene hatte der deutsche Arzt nicht gerechnet. "Man sollte dekadente Leute wie Sie im Schnee eingraben, um später festzustellen, ach der ist ja einfach erfroren oder auch nur erstickt, ganz nach dem Motto: ein Arschloch weniger auf dieser Erde", las Wenzel in einer hasserfüllten E-Mail. Als die Polizei die Wissenschaftler vor Ort aufforderte, das Hotel aus Sicherheitsgründen zu wechseln, gaben die Forscher auf. Sie brachen den Versuch vorzeitig ab. "Unsere Einschätzung der Situation war naiv", sagt Wenzel rückblickend.