Frostiges Klima hat die Kampfbereitschaft der Hauptstadt von jeher stimuliert. In diesen Tagen ruft es Berlins Jungvolk auf die Straßen. Die Mobilmachung geschieht durchs Internet, über die Seiten von Facebook oder per Flashmob. Auf Zuruf ziehen schreckenerregend uniformierte Truppen in die Parks, zum Äußersten bereit.

Bezirksschneeballschlacht heißt der neue Kampfsport, bei dem am vergangenen Sonntag im Görlitzer Park in Kreuzberg 400 Kombattanten unter "Uaah!"- und "Attacke"-Geheul aufeinander einwarfen. Ausgerechnet der Hauptstadtteil mit Deutschlands höchster Dichte an Pazifisten steigt zum Zentrum des Schneebellizismus auf. Er setzt die nur bedingt ökologische Tradition der Gemüsekriege fort, bei denen sich Kreuzberger und Friedrichshainer einmal im Jahr auf der Oberbaumbrücke über der Spree mit Tomaten, Gurken und Sellerie bewerfen.

Jetzt, im grünzeugarmen Winter, hat die Kreuzberger Szene dem benachbarten Neukölln den Fehdehandschuh hingeworfen – jenem Bezirk, den man seit eh und je nicht mag: hier die politisch bewussten Unkonventionellen, dort die prolligen Spießer. Nur noch Blauhelme, so hieß es vor Jahren, könnten den Frieden zwischen den beiden Stadtteilen sicherstellen.

Anfang Januar kam es zu einer ersten Schneeballschlacht zwischen Kreuzberg und Neukölln. Die Stärke der aufziehenden Truppen war weit größer als erwartet, und so wurde am vergangenen Wochenende erneut zu den Waffen gerufen. Die Kampfhandlungen begannen um 14 Uhr, nach dem ortsüblichen Spätaufsteher-Frühstück mit Croissant und Cappuccino.

Nach dem Fanfarenstoß aus der Feldtrompete flogen die Geschosse hin und her. Die Front verlief durch den Görlitzer Park entlang eines Grabens. Die Kreuzberger zeigten sich kräftig aufgerüstet; sie überraschten ihre Gegner mit schwerem technischem Gerät: einer Schneekanone, die der militärisch-handwerkliche Komplex in streng geheimer Bastelarbeit hervorgebracht hatte. Die Waffe besteht ersten Erkenntnissen zufolge aus einem mit Gummiriemen gespannten Kochtopf.

Nach zwei Stunden endete die Schlacht, weil beiden Seiten die Munition ausging. Wer am Ende gewonnen hatte, ließ sich nicht feststellen. Beobachter glaubten hier wie dort den ungebrochenen Willen zu nichtkommerzieller Freizeitgestaltung erkennen zu können.

Mittlerweile erlebt die Hauptstadt die Ausweitung der Kampfzone. Auch zwischen Mitte und Prenzlauer Berg kam es zu ersten Auseinandersetzungen unter freiem beziehungsweise eben nicht freiem Himmel: Achtzehn Tage lang soll Berlin keine Sonne gesehen haben.

Das mag einiges erklären. Und am Wochenende könnte es schon wieder schneien.