Noch immer sitzt uns der Schreck über die selbst komponierte Ruhr-Hymne in den Gliedern, die Herbert Grönemeyer vor zwei Wochen bei der Essener Eröffnungsfeier zum europäischen Kulturhauptstadtjahr vorgetragen hat. Es war gewiss der schlimmste Auftritt, seit die Berliner Philharmoniker bei der Expo in Hannover gemeinsam mit den Scorpions Wind of Change aufgeführt haben. Der Streicherbombast, der seifige Mädchenchor, Grönemeyers lila Pullover unterm offenen Wintermantel – alles sehr bedenklich. Obwohl doch die erste Strophe der Hymne lautet: "Wo ein raues Wort dich trägt, weil dich hier kein Schaum erschlägt." Zeigt sich da schon das ganze Dilemma des Ruhr-2010-Spektakels? Die pompösen Arrangements treten in einen peinlichen Widerspruch zu den Botschaften, die sie propagieren sollen.

Grönemeyer singt über das Ruhrgebiet: "Weil man nicht dem Schein erliegt, weil man nur auf Sein was gibt." Wer sich aber das Essener Kulturhauptstadtprogramm vornimmt, muss erst einmal – vor der Hacke ist es dunkel! – viel PR-Geröll zur Seite räumen, die dicke Lehmschicht aus Metaphern und Visionen durchgraben und finstere Eventhohlräume durchschreiten, bevor er zum Eigentlichen vordringt – einem schönen Konzert, einem Theaterprojekt oder einer Ausstellung. So ist am 23. Januar das Kleinkunsttheater Moers mit seinem Programm Kleine Welten am Niederrhein zu Gast beim Local-Hero-Fest in Kamp-Lintfort. So lässt es sich aushalten im europäischen Kulturhauptstadtjahr.

Was auf Ruhr 2010 zutrifft, gilt selbstverständlich für den ganzen Kulturbetrieb: Man muss immerzu und überall erst die dicken Krusten aus Verkaufe und Überinszenierung knacken, um das Schöne zu schauen. Derzeit ist der Pianist Lang Lang auf Gastspielreise. Viele haben den Chinesen als ernst zu nehmenden Künstler schon abgeschrieben. Er ist drauf und dran, sein Talent ans Showbusiness zu verschleudern. Aber im Februar tritt er in einigen deutschen Städten mit einem Soloprogramm an, das sich liest, als hätte er sich eines Besseren besonnen: Hoch seriös gibt er Beethovens Appassionata, Prokofjews siebte Sonate und den ersten Band aus dem Iberia-Zyklus von Isaac Albeniz, und man möchte die Hoffnung nicht ganz aufgeben, dass sich da jenseits von Haargel und Seidenschal doch wieder der hochbegabte Musiker an den Flügel setzt, als der Lang Lang seine Karriere begonnen hat.

Hat nicht jeder Musiker die Chance, sich selbst noch einmal ganz neu zu erfinden? Der Klarinettist Karlheinz Steffens macht vor, wie das gehen kann. Er hatte den lukrativsten Posten, den es in seinem Fach gibt: Er war Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker. Dann fing er an zu dirigieren und kündigte. Jetzt ist er Generalmusikdirektor in Halle an der Saale und dirigiert am 30. Januar mit Tannhäuser seine erste große Wagner-Premiere. Bis er als Dirigent nach Berlin zurückkehrt, kann es danach nicht mehr lange dauern.

Was sonst noch zu tun ist? Der Weltuntergang muss verhindert werden. Das besorgt in der Oper Le Grand Macabre von György Ligeti der heilige Trinker Piet vom Faß, indem er den großmäulig auftretenden Sensenmann unter den Tisch säuft, der daraufhin die angekündigte Apokalypse verschläft. Ist leider nur eine Oper. Wird aber demnächst vom Regieberserker Calixto Bieito garantiert wirklichkeitsprall am Freiburger Theater in Szene gesetzt.