Er hat wirklich vom Beten gesprochen. Nicht "Anteilnahme", "Solidarität" oder wie die ohnmächtigen Phrasen des Beileids sonst heißen. Nein: "Wir beten für die Verletzten in Haiti", erklärt Guido Westerwelle in Tokyo, auf der ersten Station seiner Asienreise.

Etwas grünlich-bleich schaut er in die Kameras – kein Wunder nach dem zermürbenden Nachtflug über die endlosen Permafrost-Weiten Sibiriens. Vielleicht ist ihm das fromme Wort im Meiji-Schrein eingefallen, dem Shinto-Heiligtum im Herzen der Hauptstadt. Aus Respekt vor den Göttern musste er dort ohne Mantel im dünnen Diplomatenanzug einen heiligen Tamaguschi-Zweig auf den Altar legen. Am Ende der Zeremonie war er dann so durchgefroren, dass auch der heilige Reiswein, den man hier trinkt, keine Wärme mehr brachte. Angesichts des Grauens von Port-au-Prince, über das Westerwelle von seinen Mitarbeitern ständig informiert wird, steht der Außenminister erstmals vor einer Katastrophe "biblischen Ausmaßes", bei der auch ein geölter Apparat von fast 7000 Mitarbeitern zunächst einfach hilflos ist.

Nicht einmal hundert Tage ist der Ex-Oppositionsführer nun mit seiner Transformation in den Außenpolitiker Westerwelle beschäftigt. Und doch zeichnen sich schon erste Linien seiner Amtsführung ab. Überraschende Lockerungsübungen zum Türkeibeitritt, die Aufwertung des Nachbarn Polen auch auf Kosten der Vertriebenenfunktionärin Steinbach, ein mahnender Blitzbesuch im zerfallenden Staat Jemen und schließlich der Versuch, unverklemmt die Interessen der deutschen Industrie und die Menschenrechte in China zu vertreten – das ist nicht nichts.

Die Japaner pflegt er, die Chinesen kritisiert er

Jeder Asientrip ist dieser Tage eine Reise an die Grenze der Macht. Schmeicheln hilft in China derzeit so wenig wie drohen, locken so wenig wie mahnen – wie zuletzt Obama und Google erfahren mussten, beides größere Gewichte im Ring als ein deutscher Außenminister (siehe auch Seite 9). Aber es nützt nichts, im Umgang mit China muss man sich kenntlich machen, auch fürs Publikum daheim. Es ist ein Klischee der Diplomatie, dass Asiaten viel Wert darauf legen, "das Gesicht nicht zu verlieren". Ein Peking-Besuch ist heute mehr ein Test der Würde des Gastes.

Westerwelle macht es so: Er fliegt demonstrativ über Japan dorthin und nimmt sich in Tokyo mehr Zeit als nötig. Er isst ausführlich mit dem japanischen Amtskollegen zu Abend und übernachtet in Tokyo, obwohl es unpraktisch ist. Er preist die "Wertepartnerschaft" mit Japan, was im Umkehrschluss bedeutet, dass es eine solche mit China eben (noch) nicht gibt. Und in Peking, bei seiner Begegnung mit dem chinesischen Außenminister Yang Jiechi, der extra eine Afrikareise unterbrochen hat, um den Deutschen kennenzulernen, spricht er dann drei Mal vor der Presse von den "Meinungsunterschieden", die man nicht unter den Teppich kehren wolle. Das ist – zumal bei einem Antrittsbesuch – hart an der Grenze zum Unfreundlichen.

China in Menschenrechtsfragen zu kritisieren und doch offensiv die Interessen der zahlreich mitreisenden deutschen Industrie zu vertreten sei kein Widerspruch, meint Westerwelle. Er glaube an "Wandel durch Handel". Der chinesische Kollege lächelt fein dazu. Mag sein, dass auch der nette Herr Yang daran glaubt. Nur wer hier am Ende wen wandelt, das ist für ihn womöglich noch nicht ausgemacht.

Mit dem Besuch in Peking ist Westerwelles weltweite Vorstellungsrunde abgeschlossen. Er wirkt noch ein wenig überrascht davon, dass er sie ohne Fehltritt hinbekommen hat. Gerne streicht er heraus, er sei schließlich "nicht in einem Schloss aufgewachsen", sondern in einem Bonner Altbau-Reihenhaus. Wenn er eifrig hinterherschiebt, zwischen dem Schlossbesitzer Guttenberg und Guido, dem Reihenhauskind, gebe es keine Konkurrenz in der Regierung, dementiert sich das von selbst. Am Ende des Monats müssen Guttenberg und Westerwelle in der wichtigsten außenpolitischen Frage dieses Landes eine gemeinsame Linie vertreten – bei der Londoner Afghanistankonferenz. Nachdem sich Liberale und Christlich-Soziale seit Beginn der Regierung lustvoll beharkt haben, wäre das mal etwas Neues.