Es waren bemerkenswerte Tage und Wochen in Österreich zu Beginn des Jahres 2000. Über Nacht war das Land in einen Ausnahmezustand geschlittert. Die sonst so auf Harmonie bedachte Bevölkerung war plötzlich tief gespalten. Massendemonstrationen füllten jetzt die Straßen und Plätze der Hauptstadt, allerorten wurde heftig debattiert, wurden schrille Töne laut.

Die neue Regierung, deren Zusammenfinden die Tumulte ausgelöst hatte, konnte am 4. Februar, ihrem Festtag, nur durch einen Tunnel zu ihrer Angelobung zum Staatsoberhaupt gelangen; den Ballhausplatz darüber, über den ein neues Kabinett üblicherweise zufrieden lächelnd schreitet, hatte eine Protestkundgebung okkupiert, die sich wohl nur durch einen hässlichen Prügeleinsatz hätte vertreiben lassen. Krisenreporter aus aller Welt eilten nach Wien und berichteten atemlos von der Auferstehung eines politischen Monsters, von dem man angenommen hatte, es sei längst vermodert. Der israelische Botschafter wurde abberufen und der Start seines Flugzeuges live im Fernsehen übertragen. Schließlich ächteten die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union einen der Ihren: Als seien sie Aussätzige, wurden der ehrgeizige Bundeskanzler Schüssel und seine Mannschaft für unberührbar erklärt. Sein Tabubruch, ein Bündnis mit einem rechtsextremen Regierungspartner einzugehen, galt als unerhörter Affront.

Österreich, die Kulturnation, die stets nichts unversucht lässt, sich der Welt lieb Kind zu machen, war zu einem internationalen Ärgernis geworden; mehr: zu einem europäischen Skandal.

Zehn Jahre später ist die kollektive Hysterie jener Tage weitgehend vergessen, hat sich nur mehr die blasse Erinnerung an eine groteske Episode erhalten. Die sogenannte Regierungswende in Wien, als sich die konservative Volkspartei von Wolfgang Schüssel mit den freiheitlichen Schmuddelkindern von Jörg Haider zusammentat, um sich aus der scheinbar schicksalhaften Zwangsehe mit den ungeliebten Sozialdemokraten zu befreien, hat längst ihre Brisanz verloren.

Heute würde über solch einen Machtwechsel nüchtern berichtet werden, dass eine Mitte-links-Regierung von einer Mitte-rechts-Regierung abgelöst worden sei. In Europa gilt nunmehr der Grundsatz: Mehrheit ist Mehrheit. Ob und welchen Hautgout diese Mehrheit haben mag, tut dabei nichts zur Sache.

In den europäischen Regierungskanzleien hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass feine Nasen in der Politik nichts verloren haben. Mal stinkt es in Wien, mal in Rom, mal stinkt es in Warschau, mal in Kopenhagen; und wer weiß, welch fauliges Aroma demnächst von Brüssel aus über den Kontinent wehen wird, sollten dort flämische Nationalisten ans Ruder gelangen, neben denen sogar die freiheitlichen Einpeitscher in Österreich eine tadellose Figur machen.

Schuld daran, dass man in Europa zu der Ansicht gelangt ist, sich Sensibilität für politische Duftnoten nicht leisten zu können, ist das jämmerliche Scheitern der sogenannten Sanktionen vor zehn Jahren, also jenes Maßnahmenkataloges, mit dem 14 EU-Staaten auf die Regierungsbeteiligung der FPÖ in Wien reagierten. Darin hatten sie bilaterale Regierungsbeziehungen mit Österreich auf ein gerade noch funktionstüchtiges Minimum herabgestuft.