DIE ZEIT: Es gibt ein Foto aus dem Frühjahr 2000 – da waren Sie gerade erst zum Vorsitzenden der SPÖ gewählt worden –, das damals einige Berühmtheit erlangte. Es zeigt Sie bei einem Besuch in Paris mit zwei Herren, dem französischen Europaminister Pierre Moscovici und dessen Kollegen aus dem Außenamt, Hubert Védrine, über die zu diesem Zeitpunkt wenig in Österreich Schmeichelhaftes zu lesen war. Man sieht, dass gute Laune herrscht. Sie stoßen mit Champagner an. Das kam in einem Land, das in internationalen Verruf geraten war, gar nicht gut an. Was haben Sie in dieser Szene getrieben?

Alfred Gusenbauer: Das war eine ganz einfache Geschichte. Als die Mitgliedsstaaten der EU sich entschlossen hatten, ihre Maßnahmen gegen die österreichische Bundesregierung zu setzen, war mir relativ rasch klar, dass diese Maßnahmen in erster Linie der schwarz-blauen Regierung nutzen werden. Dadurch ist es einer Regierung, die zu dem Zeitpunkt, als sie ins Amt kam, zwar über eine parlamentarische Mehrheit, aber über keine öffentliche Legitimation verfügte, relativ rasch gelungen, einen Schulterschluss zwischen Regierung und der Bevölkerung herzustellen, indem sie so tat, als sei das ganze Land betroffen und Österreich insgesamt ein Opfer.

ZEIT: Es fällt auf, dass Sie den damals gebräuchlichen Begriff Sanktionen vermeiden.

Gusenbauer: Ich versuche, sprachlich korrekt zu bleiben. Sanktionen wurden ja nicht beschlossen. Mir war also klar, dass normale Oppositionspolitik nicht möglich war, solange dieses Maßnahmenregime andauerte, weil sich die Regierung, gleich, was sie sonst tat, immer dahinter verstecken würde. Daher habe ich dort, wo wir als Sozialdemokraten Einfluss hatten, versucht, zu erklären, dass es gescheit wäre, bald einen Ausweg zu finden. Im Zuge dessen war ich auch in Paris, und dieser Besuch fiel mit dem 8. Mai, dem Jahrestag des Endes des 2. Weltkrieges, zusammen, der in Frankreich ein Feiertag ist. Aus diesem Anlass gab es im Außenministerium einen Empfang, und man hat auf das Endes des 2. Weltkrieges angestoßen. Und da man in Frankreich bekanntlich nicht in erster Linie Grünen Veltliner trinkt, weil es den dort nicht gibt, sondern Champagner, wurde eben mit Champagner angestoßen.

Opposition war nicht möglich. Gleich, was sie tat, die Regierung versteckte sich hinter den Maßnahmen

ZEIT: Das hat Sie aber lange verfolgt. Es hieß doch: Aha, jetzt haben Sie sich entlarvt, Sie "champagnisieren" sogar mit den Feinden Österreichs.

Gusenbauer: Ja, ja, das war eine aggressive Polemik. Und sie war doppelbödig: Auf der einen Seite ersucht die Regierung auch mich, überall, wo ich kann, meinen Beitrag zur Aufhebung der Maßnahmen zu leisten…

ZEIT: Wer hat Sie ersucht?

Gusenbauer: Wolfgang Schüssel selbst.

ZEIT: Informell?

Gusenbauer: Bei einem Gespräch. Die Sache ist ja dann auch öffentlich geworden. Im Rahmen der Wahlauseinandersetzung 2002 warf mir Schüssel bei der Fernsehkonfrontation erneut vor, ich hätte mit den Gegnern Österreichs champagnisiert. Es ist einigermaßen legendär geworden, als ich erwiderte: Jetzt schauen Sie mir ganz genau in die Augen – Sie waren es doch, der mich aufforderte, durch Europa zu fahren.

ZEIT: Sie hatten die, ich nenne sie trotzdem so, die Sanktionen geerbt, als Sie an die Spitze der SPÖ gelangten. Empfanden Sie nicht doch auch eine gewisse Erleichterung, dass sich Europa in der Ablehnung einer Regierungsbeteiligung der FPÖ solidarisierte, die Sie, wie ich annehme, ebenso als Tabubruch empfanden?

Gusenbauer: Ich empfand das auch als Tabubruch, und zwar nicht aus einem Ressentiment heraus, weil sich die Sozialdemokratie zum ersten Mal nach 30 Jahren in Opposition befand, sondern wegen dieser spezifischen Regierungsbeteiligung. Alle, die so dachten und hier protestierten, hatten natürlich das Gefühl: Wir sind nicht alleine, es wird in Europa sehr genau und weit über sozialdemokratische Kreise hinaus registriert, was sich in Österreich ereignet. Kehrum hat sich natürlich gezeigt, dass sich durch jegliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes ein Freund-Feind-Schema etabliert.