ZEIT: Bedauern Sie das?

Gusenbauer: Bedauern? Das Problem ist, dass Europa bereits ein sehr hohes Maß an Integration erreicht hat. Was in einem Mitgliedsstaat geschieht, hat zugleich auch fast immer Auswirkungen auf alle anderen Mitgliedsstaaten. Dieses Problem habe ich aber auch als österreichischer Staatsbürger. Ich habe als Nicht-Kärntner keinen Einfluss darauf, wie der Kärntner Landtag zusammengesetzt ist. Wenn nun aber die Kärntner Landesregierung eine Politik betreibt, die zu derart wirtschaftlichen Konsequenzen führt, dass die Solidarität der gesamten Republik eingefordert werden muss, so werde ich auch für etwas haftbar gemacht, auf das ich keinen Einfluss habe. Nicht einmal in einem einzelnen Staat ist dieses Problem gelöst.

ZEIT: Halten Sie in der Rückschau den gescheiterten Versuch der Europäer, dieses Problem zu lösen, für ein historisches Datum, oder handelt es sich bloß um eine Fußnote?

Gusenbauer: Es war meiner Meinung nach kein historisches Datum. Es hat immer Regierungen gegeben, die einem politisch mehr oder weniger zu Gesicht stehen. Trotzdem besteht eine Gemeinschaft, wie es die europäische ist, darin, dass man gerade auch mit jenen Regierungen zu immer größeren Kompromissen finden muss, die einem besonders wenig politisch angenehm sind. Das war vorher so, und das ist nachher so.

ZEIT: Sie sagten aber: Die Wenderegierung von 2000 sei ein Tabubruch gewesen. Heißt das, Tabus wären in der Politik wenig hilfreich?

Gusenbauer: Es war insofern ein Tabubruch, als zum ersten Mal nach dem Ende des 2. Weltkrieges eine Partei des politischen Randes an einer Regierung beteiligt war. Es gab da weder ein geschriebenes noch ein ungeschriebenes Gesetz. Das hatte sich einfach zu einem Tabu entwickelt.

ZEIT: Was damals vielleicht noch als Tabubruch galt, scheint heute zur Normalität geworden zu sein. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass sowohl die ÖVP als auch Ihre Partei demnächst wieder mit den Freiheitlichen ein Regierungsbündnis schließen könnte?

Gusenbauer: Es ist de facto zu einer europäischen Normalität geworden, dass alle Parteien, die in einem Parlament vertreten sein können, früher oder später auch einer Regierung angehören werden.

ZEIT: Bleiben wir in Österreich

Gusenbauer: Bisher ist es so, dass die sozialdemokratische Parteiführung eine Koalition mit der FPÖ ablehnt.

ZEIT: Sagt sie.

Gusenbauer: Ich dringe da nicht tiefer ein. Ich nehme aber an, dass auch hält, was zugesichert wurde.

ZEIT: Auf Landesebene klingt das aber etwas differenzierter?

Gusenbauer: Auch unterschiedlich. Auf Landesebene sieht man, glaube ich, diese Frage etwas offener.

Das Gespräch führte Joachim Riedl