Nach dem Abitur stand Laura Stöcklein vor einem Dilemma: Ein reines Wirtschaftsstudium war ihr zu theorielastig, eine technische Ausbildung dagegen zu oberflächlich. Heute berät die 23-Jährige Kunden, die eine neue Software, Firewall oder ein neues Netzwerk für ihr Unternehmen brauchen. Und sie schreibt Angebote und rechnet aus, ob es sich für ein Unternehmen lohnt, den Informations- und Datenbereich auszulagern. Das alles als Teil ihres Studiums. "Ich kann unseren Kunden technische Lösungen aufzeigen und sie gleichzeitig wirtschaftlich beraten."

Wenn Laura Stöcklein 24 Jahre alt wird, kann sie drei Abschlüsse vorweisen: einen für ihre Ausbildung zur Fachinformatikerin, ein von der IT-Branche entwickeltes Fachberaterzertifikat, einen staatlich anerkannten Bachelor of Arts in der Fachrichtung Wirtschaft. Dazu kommen Kenntnisse der Betriebssysteme Microsoft Vista und Linux und ein Business-Englisch-Zertifikat der Cambridge University. Wenn mehr Durchlässigkeit zwischen Ausbildung und Studium gefordert wird, sind auch Programme wie das 2004 von Siemens ins Leben gerufene Vorbilder. Weil das Unternehmen damit die technische Ausbildung, den betriebswirtschaftlichen Studiengang und Zertifikate aus dem MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) verzahnt, erhielt es im vergangenen Jahr den Hermann-Schmidt-Preis vom Verein für innovative Berufsbildung. Rund 100 Auszubildende pro Jahr beginnen inzwischen in diesem Studiengang.

Wie schnell Jugendliche den Übergang von der Schule in die Berufsausbildung schaffen – aber auch wie leicht oder eben nicht es sich mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung, aber ohne Abitur studieren lässt, das alles ist mit dem Begriff "Durchlässigkeit" gemeint. "Wer einmal seine Ausbildung beendet und sich in seinem Beruf etabliert hat, hängt nicht einfach seinen Job an den Nagel, um zu studieren", sagt Reinhold Weiß, Vizepräsident und Forschungsdirektor des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Außerdem erkennen Fachhochschulen und Universitäten nicht unbedingt alle Teile und Zeiten einer Ausbildung an. Sie fordern, dass man bestimmte Vorlesungen und Kurse besucht haben muss, um an Prüfungen teilzunehmen. Weiß schlägt vor, dass Fachhochschulen und Universitäten ihre Curricula mit den Ausbildungs-Curricula vergleichen und pauschal zwei bis drei Semester, je nach Fachrichtung, anerkennen. Duale Studiengänge umgehen dieses Problem, zurzeit gibt es ungefähr 700 verschiedene davon in Deutschland, sowohl an Fachhochschulen als auch an sogenannten Berufsakademien. Rund 400 davon beinhalten eine komplette Berufsausbildung und ein Studium, die restlichen 300 führen mit Praxisphasen bei einem festen Kooperationspartner, meist einem größeren Unternehmen, zu einem Studienabschluss.

Ein weitgehendes Programm legt die Handwerkskammer Köln gerade auf. Jeder vierte Kölner Handwerksunternehmer ist zurzeit über 50 Jahre alt. "In zehn bis fünfzehn Jahren wird es große Umwälzungen geben. Dann brauchen wir dringend gut ausgebildete Handwerksmeister, die die Betriebe übernehmen", sagt Michael Brücken, Bildungsberater des Fortbildungszentrums der Handwerkskammer zu Köln. Sein Modell richtet sich deshalb an Abiturienten, die sich mit einer normalen Berufsausbildung unterfordert fühlen würden, sich aber eine Karriere im Handwerk vorstellen können. "Der Ausbildungspool an guten Leuten wird merklich kleiner", sagt Brücken. Nur 6,1 Prozent der Auszubildenden, die 2008 eine Handwerksausbildung in Deutschland gemacht haben, hatten Abitur. In Köln waren es 7,1 Prozent.

Von Anfang Oktober an sollen sie drei Abschlüsse in vier Jahren machen können: Geselle, Meister, Bachelor – eine triale Ausbildung sozusagen. Die Gesellenzeit wird auf zweieinhalb Jahre verkürzt, vom ersten Tag an läuft ein berufsbegleitendes Studium an der privaten Fachhochschule des Mittelstandes (FHM) in Bielefeld. Die Kurse zum Studiengang Handwerksmanagement sollen am Freitagabend und am Samstag in Köln stattfinden. Nach der Gesellenprüfung gibt es Meistervorbereitungskurse in einem der 27 Fachrichtungen: Von Augenoptiker, Fahrzeuglackierer, Goldschmied bis Stuckateur und Zweiradmechaniker kann überall ein Meistertitel erworben und eine Bachelor-Arbeit abgegeben werden. Nebenbei hofft Michael Brücken, Betriebe anzusprechen, die seit Jahren wegen des mangelnden Bildungsniveaus nicht mehr ausbilden wollten. Die Ausbildung müssen die Lehrlinge privat finanzieren: Zwischen 400 bis 500 Euro soll sie im Monat kosten und mit Meister-Bafög gefördert werden können. "Ein Meister erwirbt dadurch zusätzliche Management-Qualifikationen, und das Handwerk gewinnt durch attraktive Bildungsangebote leichter qualifizierten Nachwuchs", sagt Reinhold Weiß. Dies sei für die Zukunftsfähigkeit von kleinen und mittleren Unternehmen lebenswichtig.

Laura Stöcklein pendelt derweil zwischen ihrem Wohn- und Ausbildungsort Fürth und dem Siemens-Berufskolleg in Paderborn. Nebenbei lernt die 22-Jährige aus Fachbüchern und über Webplattformen. Sie ist an der Fachhochschule Südwestfalen in Meschede eingeschrieben, aber eine Anwesenheitspflicht gibt es nicht. Nach dem regulären Unterricht am Berufskolleg besucht Laura Stöcklein Kurse, in denen sie ihren Hochschuldozenten aus Meschede Fragen zum Gelernten stellen kann. Ihre Ausbildung ist in Blöcken angelegt. Effizienz ist ein Wort, das oft fällt. Die duale Studentin sieht es pragmatisch: "Es sind nur drei Jahre meines Lebens. Außerdem verdiene ich genug Geld, muss keine Studiengebühren bezahlen und habe einen Anschlussvertrag." So stressig die Zeit für Laura Stöcklein auch ist: Wenn sie in zwei Jahren anfängt zu arbeiten, ist sie erst 24 Jahre alt. "Ich kann viel relaxter in den Beruf reingehen und habe alle Zeit der Welt, meine Karriere aufzubauen, bevor ich irgendwann eine Familie gründe."