Kambodscha. Wenn ich an dieses entfernte Land denke, habe ich immer Bilder von Schönheit und Schrecken vor Augen: die Monumente von Angkor und Preah Vihear, endlose Reisfelder, aber auch die Killing Fields der Roten Khmer. Doch von den täglichen Beschäftigungen und Sorgen der Kambodschaner hatte ich keine Vorstellung, bis mich das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) bat, seine Projekte dort anzuschauen.

Ich bin seit drei Jahren Botschafterin des Roten Kreuzes, und obwohl diese Tätigkeit dafür gedacht ist, die Arbeit der SRK-Delegierten und -Freiwilligen zu unterstützen, gibt es mir auch Gelegenheit, mich mit neuen Ländern, verschiedenen Menschen und problematischen Themen auseinanderzusetzen. Wenn ich fürs SRK ferne Länder bereise, könnte ich sagen, es gehe darum, etwas zu bewegen, um Verantwortung eben; oder auch darum, sich nachhaltig mit einem Thema zu befassen. Aber vor allem möchte ich mit den Betroffenen sprechen. Ich will sehen, hören, spüren. So viel wie möglich, so intensiv wie möglich.

Mir geht es um Menschen, die am wenigsten Aussicht auf Änderungen, Hoffnung und Chancen haben. Kambodscha ist eines der ärmsten Länder der Welt; ein Drittel der Kambodschaner ist unterernährt. Es gibt nur 16 Ärzte pro 100.000 Einwohner (in der Schweiz sind es 361); jedes siebte Kind in Kambodscha stirbt vor seinem fünften Geburtstag, und bei 100.000 Lebendgeburten überleben 450 Mütter die Niederkunft nicht.

Das SRK engagiert sich in Kambodscha schon seit 1983. Seine Arbeit ist so geschätzt, dass es früh von der Regierung als Berater für Gesundheitsprojekte unter Vertrag genommen wurde. Mit dem Schweizerischen Roten Kreuz zu arbeiten, das heißt für mich: eine erstklassige, renommierte Organisation zu unterstützen. In den verschiedenen Ländern, in denen ich schon mit dem SRK unterwegs war – ob Rumänien, Swasiland oder Honduras –, fiel mir immer wieder auf, wie hoch geschätzt diese Arbeit ist.

In Takeo stellt das Rote Kreuz für viele Einheimische die ganze medizinische Betreuung. Takeo ist eine Provinz im Süden vom Kambodscha, an der Grenze zu Vietnam, und hier stärkt das SRK die örtlichen Gesundheitsfachkräfte für die medizinische Betreuung von 900.000 Menschen. Es fördert Hygiene und Erste Hilfe; versorgt die Menschen mit Wasser und Toiletten; hilft bei Katastrophen und Katastrophenvorbereitung; und es setzt sich mit einem Hilfsfonds für den einfachen Zugang der Ärmsten zum Gesundheitssystem ein.

Das Provinzkrankenhaus von Takeo, als Referenzspital verantwortlich für fast eine Million Menschen, ist völlig überfüllt. Die Gassen auf dem Gelände sind schlammig, und die Patienten liegen oft zu zweit in den Betten – eher Eisengestelle, ausgelegt mit dünnen Holzbrettern. Bettlaken gibt es nicht, die Patienten müssen eigene Stroh- oder Stoffdecken mitbringen.

Als das Schreckensregime der Roten Khmer 1978 endete, verfügte das Land bloß noch über etwa fünf bis zwanzig ausgebildete Ärzte. Wegen der Dringlichkeit des Aufbaus eines neuen Gesundheitssystems wurde die Ausbildung des medizinischen Personals vernachlässigt; die Ärzte blieben unterqualifiziert und auch unterbezahlt. In dieser ersten Phase unterstützte das Rote Kreuz den Aufbau einer neuen Ärzteschaft und einer medizinischen Infrastruktur. Danach wurden die einheimischen Gesundheitsbehörden und die Spitäler auch darin beraten, wie die grassierende Korruption eingedämmt und Transparenz eingeführt werden könnte.