Na klar: Man kann China als einen Krisengewinner bezeichnen, der mit unlauteren Mitteln arbeitet. Ein Riesenland, das seine Währung zum eigenen Vorteil manipuliert, auf Kosten der Welt wächst und die Weltwirtschaft in eine Schieflage bringt.

Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. China ist es nämlich andererseits auch gelungen, Hunderte von Millionen Menschen daheim aus bitterer Armut zu befreien, und zwar genau dank dieser "Manipulation". China hat es geschafft, Wohlstand gerechter zu verteilen, als das jede noch so engagierte westliche Entwicklungshilfe vermocht hat. Und China mag zwar zur Entstehung der Weltwirtschaftskrise beigetragen haben, ist aber in diesen Tagen umgekehrt zu einem entscheidenden Stabilitätsfaktor geworden.

Die Chinesen wachsen nämlich noch, und sie kaufen auf dem Weltmarkt ein. Man muss sich nur mal vorstellen, wie die globale Krise verlaufen wäre, wenn die Volkswirtschaft Chinas im vergangenen Jahr nicht um 8,7 Prozent gewachsen wäre, sondern geschrumpft wie in Deutschland!

Mit dieser Erfolgsbilanz wird sich die chinesische Führung nicht so leicht von ihrem gegenwärtigen Währungskurs abbringen lassen. Zumal die Diktatoren wenigstens in dieser Frage die Bevölkerung hinter sich wissen.

Es ist eher andersherum: Chinas Führung entwickelt inzwischen eigene Vorstellungen, was sinnvoll für die (Währungs)-Welt sein könnte. Diese Ideen decken sich nicht immer mit denen des Westens. Die multipolare Weltordnung bahnt sich langsam ihren Weg.

China schade der Welt, die müsse sich wehren, schrieb Mark Schieritz in der ZEIT. Klicken Sie auf das Bild, um seine Argumente zu lesen! © China Photos/Getty Images

Und natürlich wissen chinesische Politiker, wie viel für den Westen auf dem Spiel steht, wenn er mit Protektionismus droht. Zu viel nämlich, um es auf breiter Front zu riskieren. Die westliche Wirtschaft, Amerika ebenso wie Europa, brauchen China als Absatzmarkt und Produktionsstandort; nach der Krise mehr denn je. Und dass über 50 Prozent der exportierten Produkte von westlich-chinesischen Gemeinschaftsunternehmen produziert werden, die meist gut verdienen, macht die Protektionismusdrohung westlicher Politiker nicht überzeugender. Kein Wunder also, dass Außenminister Guido Westerwelle die Währungsfrage bei seinem Antrittsbesuch in Peking nicht einmal angesprochen hat. Angesichts dieser komplexen Verflechtung klingt die westliche Warnung, die Schonzeit für China sei nun vorbei, wie ein billiger Bluff.

Umgekehrt weiß natürlich auch der Westen: China mag drohen, als größter Gläubiger der USA im großen Stil seine Dollars zu verkaufen, wenn die USA nicht spuren – doch das würde den Chinesen mindestens genauso schaden wie dem Westen. Zudem sind die Chinesen noch einige Jahrzehnte auf westliche Technologie und die internationalen Absatzmärkte angewiesen, um ihr Wachstum zu halten und damit die soziale Stabilität im eigenen Land garantieren zu können. Es ist also sinnlos, angesichts dieser gegenseitigen Abhängigkeit noch ausprobieren zu wollen, wer am längeren Hebel sitzt. Dem Gleichgewicht des Schreckens im Kalten Krieg folgt nun ein Gleichgewicht der wirtschaftlichen Verflechtung in der Globalisierung.

Keine Frage, der Westen muss seine Interessen geschlossener deutlich machen als bisher und dabei standfest sein. Aber es bringt wenig, sich der Illusion hinzugeben, die eigenen Interessen in diesen Fragen seien gewichtiger als die der Asiaten. China und der Westen sind also dazu verdammt, jenseits protektionistischer Drohungen echte Kompromisse zu finden. Und je eher sie damit anfangen, desto besser für beide Seiten.