Und doch war nicht alles vergebens. Heilige historische Dialektik: Das Scheitern, das auch erfolgreich war, analysieren die Aufsätze in einem soeben erschienenen Buch ("Sanktionen. Zehn Jahre danach", herausgegeben von Martin Strauß und Karl-Heinz Ströbele im Studien-Verlag). Es enthält die wohl begründete These, dass es dem ursprünglichen Verlierer der Wahl von 1999, Schüssel, ohne die "Sanktionen" der EU-14 nie gelungen wäre, den eigentlichen Wahlsieger Haider aus seinem Wendekabinett draußen zu halten und damit dessen politischen Niedergang einzuleiten.

Und es diskutiert neue Chancen für die Demokratie in Europa, nachdem die EU aus der Erfahrung mit den "Sanktionen" die Konsequenz zog und das Instrumentarium für künftige Einmischungen zum Schutz von Demokratie, Rechtsstaat und Minderheitenschutz verfeinerte: die Neuformulierung des Artikels 7 im Vertrag von Nizza, der Präventivmaßnahmen im Fall der Gefährdung von Grundwerten vorsieht. Das schuf zumindest die theoretische Rechtsgrundlage zum Eingreifen. Sie hatte im Fall Österreich noch gefehlt.

Inzwischen steht die EU-27, zumindest zahlenmäßig stärker geworden, aber vor neuen Herausforderungen: Die Antidemokraten nach Haider treten fast überall – vielleicht mit Ausnahme Ungarns, Norditaliens, Ostdeutschlands und Kärntens – vorsichtiger auf. Zugleich hat Europas Öffentlichkeit sich an diese neuen Rechten gewöhnt. Von "Desensibilisierung" gegenüber der neuen Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und Menschenrechtsverachtung als Ergebnis des Tabubruchs in Österreich schreibt der Wiener Schriftsteller Doron Rabonivici im "Sanktionen"-Buch.

Dieser neue Extremismus grassiere auf dem ganzen Kontinent "und lebt vor allem von den demokratischen und sozialen Unzulänglichkeiten der Union". Nun ist die EU gewiss nicht an allem schuld. Doch als Wertegemeinschaft den als Demokraten getarnten Gegnern der Demokratie offensiv entgegenzutreten bleibt ihre Aufgabe. Nicht trotz, sondern wegen der Erfahrungen mit den "Sanktionen".