Wie sie euch gefällt

Ihr Alter ist ständig Thema. Helene Hegemann wartet vor dem Kino Babylon in Berlin und beobachtet eine Gruppe von Jugendlichen. "Was ist das denn für eine Schulklasse?", fragt sie und kichert. Die Teenager sind so alt wie sie – etwa 17. Der Unterschied ist: Hegemann wird gleich einen Film vorstellen, und die Teenager werden im Publikum sitzen und ihr dabei zuschauen.

Wenig später steht Helene Hegemann auf der Bühne des Babylon, ihre langen blonden Haare hängen im Gesicht, ab und zu schiebt sie einzelne Strähnen wie einen Vorhang zur Seite. Sie präsentiert auf dem Festival In 14 Films around the world den Beitrag der russischen Regisseurin Valeria Gaia Germanica: "Sie hat mit 19 einen Film über die SM-Szene in Moskau gemacht und jetzt mit 23 einen über drei 14-jährige Mädchen." Hegemann schaut ins Publikum. "Vierzehn sein ist ja ganz schrecklich", sagt sie dann. Solche Sätze sagt sie oft. Sie sind kurz, absolut, immer volle Kante. Im Prinzip hätte sie sich selbst ganz ähnlich vorstellen können: Mit 15 hat sie ihren ersten Film Torpedo gedreht, dafür den Max-Ophüls-Preis bekommen, und nun, mit 17, erscheint ihr erster Roman. Egal, wie sehr sie sich bemüht, ihr Alter ist eine Aussage, es folgt stets ihrem Namen.

Wie porträtiert man eine 17-Jährige? Vieles erscheint noch offen, unentschieden. Worte werden schutzlos ohne jede Überlegung gewählt und gelten nur für die nächsten paar Minuten, Wochen, mit Glück für Monate. Hegemann aber formuliert präzise. Es geschieht schnell, dass man sie für erwachsen hält. Und dann ist sie es doch manchmal nicht. Sie sagt, sie habe damals, als Torpedo lief, so altkluges Zeug von sich gegeben, sich selbst unsympathisch gefunden. "Natürlich kokettiere ich mit meinem Jugendbonus. Und kokettiere sogar damit, dass ich mit ihm kokettiere", sagte sie dem Tagesspiegel. Inzwischen weiß sie, wie Öffentlichkeit funktioniert, und sie hat eine Agentin. "Ich strenge mich an, nichts zu sagen, das mir nicht entspricht."

In diesen Monaten, die zwischen dem Schreiben und dem Erscheinen ihres Romans liegen, versucht sie, die Kontrolle zu behalten. Die Erwachsenen, die sie umgeben, machen sich Sorgen, dass sie zu viel von sich preisgeben könnte, hätten aber gleichzeitig gern, dass ihr Buch erfolgreich wird und sich verkauft. Helene will und soll in die Medien, aber die Deutungshoheit beanspruchen sie und die Erwachsenen für sich. Jetzt, wo das Bild, das die Menschen von ihr haben, fixiert wird, dürfen keine Fehler passieren. Das Wort "Shootingstar" wurde aus der Verlagsankündigung gestrichen, weil Hegemann es nicht mochte. Es klingt zu austauschbar, zu sehr nach Charlotte Roche oder Sarah Kuttner.

Helene soll stark erscheinen, das neue, wilde Talent der Berliner Intellektuellenszene sein. Sie bedient eine Sehnsucht nach einem jungen, unverbrauchten Gesicht, nach Rebellion gegen den Mainstream. Und es funktioniert: Zweimal wurde wegen des großen Medieninteresses der Erscheinungstermin des Buchs vorgezogen. Axolotl Roadkill ist schon vor der Veröffentlichung für den Erstlingspreis der Litcologne in Köln nominiert.

An einem Mittwochvormittag im Oktober sitzt Hegemann in ihrer Küche in Prenzlauer Berg und bietet Schokokuchen an. Eine Freundin von Helene ist zu Besuch, sie hockt still im Nebenzimmer vor dem Computer. Sie ist die Einzige, die aus Helenes Vergangenheit in Bochum geblieben ist. Bis vor vier Jahren lebte Hegemann dort mit ihrer Mutter, bis die Mutter starb. Dann zog sie zu ihrem Vater nach Berlin. Ihre Eltern haben sich getrennt, da war sie drei.

Nach dem Film im Babylon steht Helene Hegemann mit ihren zwei Freunden Kathi und Vincent vor dem Kino, sie rauchen. Helene erzählt von ihrem Wochenende in Zürich, sie hat ihren Vater besucht, der probt gerade mit "Christoph", Christoph Schlingensief, und "René", René Pollesch. "Das Stück von Christoph wird ganz toll", sagt sie. Neben ihrem Alter ist ihr Vater ein weiteres großes Thema im Leben der Helene Hegemann. Besser gesagt, es ist das Thema der anderen. Carl Hegemann war viele Jahre Chefdramaturg an der Volksbühne, jetzt lehrt er Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Er gilt als einer der führenden Intellektuellen Berlins. Es ist so schön einfach zu glauben, er habe seiner Tochter den Weg in die Kulturszene geebnet. Ihr Verhältnis ist ambivalent.

 

Helene mag nicht mit ihrem Vater verglichen, auf ihn reduziert werden, vor dem Tod ihrer Mutter haben sie sich selten gesehen. Aber in der Öffentlichkeit trägt sie seinen Nachnamen, obwohl sie eigentlich heißt wie der geschiedene Mann ihrer Mutter. Wenn man sie fragt, warum, streicht sie ihre Haare ins Gesicht. Die Haare sind ein Seismograf ihrer Stimmung: Wenn sie sich unsicher fühlt, ausgeliefert, zieht sie sich zurück, macht den Vorhang dicht.

Vor dem Kino Babylon zerdrückt Helene ihre Zigarette, Kathi und Vincent wollen noch etwas essen. Sie fahren ins Grill Royal, das Restaurant, in dem man in Berlin gerade gern gesehen wird. Vielleicht mag sie es deshalb, vielleicht mag sie es trotzdem. Ganz hinten vor dem Kühlregal mit Blick auf das teure, rohe Fleisch wartet Jonas, ein Freund von Helene. Auf Facebook schreiben die beiden gemeinsam ein "Mockumentary", einen Text, der vorgibt, die Wirklichkeit abzubilden, aber fiktiv ist. Jonas schwärmt von der "Selbstproduktionsmaschine" Facebook: "So halb öffentlich ist geil." Hegemann gehört zu einer Generation, die alles, was ihr einfällt, der Welt kundtut. Ob auf Facebook, MySpace oder YouTube – immer teilt man seine Gedanken, Erlebnisse, Launen mit seinen "Freunden". Dabei geht es nicht um Wahrheit, sondern um Bilder, die man von sich selbst entwirft, darum, wie man sich selbst gern sieht und anderen zeigen möchte. Es ist eine einzige riesige Selbstinszenierung. "Wirklich Privates würde ich nie auf Facebook stellen", sagt Helene. Alles ist offen, aber eigentlich bleibt alles verschlossen. Diese Art der Öffentlichkeit kommt ihr entgegen.

Helene bestellt ein Wasser. In ihrem Roman geht es viel um Sex mit beiden Geschlechtern, Drogen, Alkohol, Wahnvorstellungen. Mifti, die Hauptfigur, hat ihre Mutter verloren, geht nicht zur Schule und wohnt bei ihren Geschwistern, die ihrerseits auf Drogen oder mit sich selbst beschäftigt sind. Hegemann beschreibt eine Welt in totaler Auflösung.

Ihr Buch ist schwer einzuordnen, sie hält sich nicht an dramaturgische Regeln. Der Roman beginnt auf Seite eins, aber das Vorwort folgt auf Seite 23, teilweise schreibt sie in E-Mail-Form. Es ist dieser Regelbruch, der Erwachsene fasziniert. Weil Hegemann ihn geschickt einsetzt und weil es sich in unserer genormten Wirklichkeit so selten jemand traut. Mirko Borscht, ein Freund von Helene, der bei Torpedo ihr Regieassistent war, erklärt das so: "Da kommt so eine 16-Jährige, hebelt alle normalen Wege aus, setzt alle Gesetzmäßigkeiten der Dramaturgie außer Kraft. Sie hat in einer Szene drei Kostümwechsel. Und sie kann zu bekannten Schauspielern sagen: So eine betuliche Scheiße will ich nicht. Helene hat eine Art Welpenschutz. In drei Jahren kann sie das nicht mehr machen."

Ihre Verlegerin Siv Bublitz von Ullstein sagt: "Sie schreibt ganz anders als alle, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Sie hat so eine Unmittelbarkeit, eine Schonungslosigkeit, und sie ist nie erwartungskonform."

Mit Mainstream-Unterhaltung hat ihr Roman nichts zu tun. Manche Szenen wirken in ihrer Radikalität stark, andere kalkuliert, als hätte sie sich schon beim Schreiben am zu erwartenden Grausen der Erwachsenen berauscht. Im Kapitel Mutter heißt es: "Das war natürlich eine ziemliche Katastrophe, wie du da in der vollgepissten Jeans aus dem Vorderfenster zur anderen Straßenseite hinübergeguckt hast und drei Stunden später tot warst." Parallelen zu Helenes Leben gibt es einige, aber wer glaubt, sie entblöße sich im Text, unterschätzt sie.

Wie fragt man eine 17-Jährige nach ihrer toten Mutter, über die sie verständlicherweise nicht gern redet, die in ihren Werken aber eine maßgebliche Rolle spielt? Helene weiß, dieses Thema ist so stark, dass es alles andere in den Schatten zu drängen droht. "Meine Mutter ist gestorben, als ich dreizehn war. Trotzdem ist dieser Satz eigentlich alles, was ich noch habe", schreibt sie im Buch. Sie schreit in ihren Texten, schlägt um sich. Je heftiger sie wütet, umso mehr verschließt sie sich, desto stiller wird sie in Wirklichkeit. Hegemann ist so laut, dass schließlich kein Laut mehr bleibt. Es wirkt wie ein Trick, die eigenen Wunden zu verbergen. Der Roman endet mit einem Brief der Mutter an die Heldin: "Du bist inzwischen kein Kind mehr, sondern ein Abbild des Teufels. Du bist Dreck, den wir nur mit Schweigen aus der Welt schaffen können."

In ihrer Küche an jenem Vormittag nimmt Helene Hegemann ein Stück vom Schokoladenkuchen. Vor der Tür der Wohnung standen bis vor Kurzem öfter Polizeibeamte und fragten höflich, wieso sie wieder nicht in der Schule erschienen sei. Weil sie nett war und sie nicht "Arschlöcher" nannte, verschwanden die Polizisten dann auch schnell wieder.

In Bochum ging Hegemann noch regelmäßig zur Schule. Als sie nach Berlin kam, sagte die Direktorin der Montessori-Schule in Potsdam nach den ersten drei Tagen zu Helene: "Ich habe einen Riecher für Gut und Böse, und du bist definitiv böse." Eines Tages stieg Helene nicht mehr aus der Bahn aus, blieb einfach sitzen und fuhr durch Brandenburg. Sie fühlte sich besser. Es dauerte nicht lange, bis sie gar nicht mehr in den Zug stieg. Ihr Vater war verzweifelt, aber machtlos. Am Ende schloss Helene trotzdem die zehnte Klasse ab. "Mit 260 Fehlstunden oder so." Ihr Zeugnis hat sie bis heute nicht abgeholt.

 

Im Nebenzimmer ihrer Wohnung hockt noch immer ihre Freundin vor dem Computer. Helene geht zu ihr hinüber und zeigt auf dem Bildschirm einen Imagefilm, den sie zur Vermarktung ihres Buches gedreht hat. Darin sitzen Kinder, die reden wie Erwachsene, in einer Villa. Ein Junge im Anzug sagt: "Es wird nie wieder etwas Geileres in meinem Leben geben als Heroin." Wie die Kinder in ihrem Film erscheint Helene Hegemann jung und alt zugleich. Sie hat die hohe Stimme, die absoluten Meinungen und das Kichern einer Pubertierenden. Und sie hat die Selbstreflexion, den Intellekt und die Sprache einer Erwachsenen. Auch der Titel ihres Romans Axolotl Roadkill ist eine Anspielung auf das Alter. Ein Axolotl ist ein mexikanischer Schwanzlurch, der niemals alt wird, ewig Kind bleibt.

Helenes Mutter starb vor ihren Augen, als ein Aneurysma in ihrem Hirn platzte. Das Verhältnis zu ihr war nicht einfach gewesen. Wenn man sie heute nach diesem ihrem früheren Leben fragt, sagt sie: "Das war wie eine Art Duldungsstarre. Ich dachte immer, da muss noch was anderes kommen." Nach dem Tod ihrer Mutter wohnte ihr Vater für ein halbes Jahr in Bochum. Sie begleitete ihn nach Wien, weil er dort mit Christoph Schlingensief ein Stück inszenierte. "Ich fand die Leute da so wahnsinnig cool, ich habe mich verstanden gefühlt. Das hatte viel mehr mit mir zu tun als alles davor", erinnert sie sich. Vier Wochen später zog Hegemann nach Berlin.

In Berlin begann sie, ins Theater zu gehen, und zwar exzessiv. Hegemann lebte fast in der Kantine der Volksbühne. "Groupiemäßig" findet sie das heute. Sie lauschte den Gesprächen der Theaterleute, studierte ihre Ausdrucksweise, beobachtete ihre Bewegungen. Sie eignete sich ein neues, ihr zweites Leben an.

Es bleiben viele Fragen: Wie fühlt es sich an, von einem Moment zum nächsten ein völlig neues Leben zu beginnen? Wie hält eine 13-Jährige es aus, ihre Mutter zu verlieren? Es ist schwer, darauf Antworten von Hegemann zu bekommen, ihre Haare geben, wenn man diese Fragen stellt, kaum noch ihre Augen frei. "Ich habe mich eine Zeit lang damit auseinandergesetzt. Jetzt ist das kein Problem mehr."

Einmal hat sie sich in einem Interview selbst als "gestörten Teenager" bezeichnet. Sie war bei mehreren Therapeuten, gebracht hat es nichts, sagt sie. "Ich wusste, woher meine Verhaltensweise kommt. Und die dachten, ich hätte kein Bewusstsein dafür, ich nähme mich selbst nicht wahr." Dabei nimmt sie sich ununterbrochen wahr, manchmal wirkt sie so empfindsam, so wund – wie ein Mädchen ohne Haut. Und je näher der Veröffentlichungstermin ihres Romans rückt, desto stärker wirkt die Erkenntnis, dass nicht alles kontrollierbar ist. Beim Fototermin für diese Geschichte fällt Hegemann zweimal in Ohnmacht. Es ist einer dieser Augenblicke, in denen man Angst um sie bekommt. Sie wirkt dann so alt, wie sie wirklich ist: sehr jung.

Einige Wochen bevor ihr Buch erscheint, sitzt Helene in einem Café in Mitte, sie ist mit ihrer Produzentin von Credofilm verabredet. Helene erzählt ihr von dem neuen Drehbuch, an dem sie schreibt. Ein Horrorfilm, es geht um Doppelgänger, die unverzüglich getötet werden müssen. "Ganz super, Helene, das musst du unbedingt machen", sagt die Produzentin.

Vor zwei Jahren gab Helene bei der Sekretärin von Credofilm das Drehbuch für Torpedo ab. Dem legte sie einen Brief bei, ein paar herausgerissene Blätter aus einem Matheheft. "Ein Superbrief", sagt die Produzentin. Was genau darin stand, will sie nicht sagen. Aber sie produzierte den Film. "Helene war toll", sagt sie und schaut sie von der Seite an, Bewunderung im Blick. Die Produzentin findet an diesem Nachmittag alles großartig, was Hegemann sagt. Helene ist ein Mädchen, dem Erwachsene gern gefallen wollen. In ihrer Nähe fühlen sie sich hip. Ein Teenager, der klüger ist als die meisten Dreißigjährigen – ein bisschen schräg, aber irgendwie cool.

Wenn man mit Hegemann über Männer und Frauen spricht, grinst sie und sagt: "Diese heterosexuelle Matrix kickt mich nicht." Sie erzählt, dass sie gerade eine Liebe in München hat, eine komplizierte. "Ich hatte noch nie so eine standardisierte Beziehung. Sobald es nicht mehr anstrengend oder gefährlich ist, finde ich es langweilig." Auch der Institution Familie kann sie nicht viel abgewinnen. "Es wird sich dahin entwickeln, dass Freunde die Familie sind. Die Familie an sich ist nicht kapitalismusgeeignet. Die Rückbesinnung darauf ist wirklich nur Melancholie."

Helene Hegemann hat nie in einer normalen Familie gelebt. Sie hat noch nie normal gelebt. Und wie es aussieht, wird sie das auch als Erwachsene nicht tun.