Wir rasten durch die Dunkelheit und sahen nicht, was vor uns lag. Mehdi reckte sich hinter dem Lenkrad und drängte die langsameren Autos aus dem Weg. Aber ein Wagen blieb stur auf der linken Spur. Mehdi hupte und drängelte, und als der Wagen sich langsam nach rechts bewegte, zwängte er sich zwischen ihn und die Leitplanke. Dann knallte es, Glas splitterte, und der Außenspiegel des anderen Wagens flog durch die Luft.

Mehdi lachte und fuhr weiter.

Wir saßen stumm in der Stille nach dem Knall, als plötzlich ein Wagen neben uns auftauchte und hupte und blendete und uns abdrängte. Mehdi suchte nach einem Ausweg, er bremste, er beschleunigte, er scherte aus, doch der Wagen folgte uns wie ein Schatten. Mehdi wehrte sich eine Weile, dann gab er auf und stoppte. Der andere Wagen stellte sich schräg vor uns.

Es war nach Mitternacht, und wir standen auf einer dunklen Straße irgendwo in Iran. Hier endete unsere Hochzeitsreise, und unsere Reise in den anderen Iran begann. Ich instruierte Gypsy, sich nicht zu bewegen und kein Wort zu sagen. Dann schob ich die Tüte mit dem Geld tief in den Fußraum, bis sie nicht mehr zu sehen war.

Die Türen des anderen Wagens öffneten sich, und zwei Frauen stiegen aus. Die Beifahrerin keifte in ihr Telefon und ging im Kreis. Die Fahrerin ging zum Kofferraum ihres Autos, öffnete ihn und beugte sich hinein. Sie war von kräftiger Statur und trug ihr schwarzes Kopftuch uniranisch streng, sie zeigte kein Haar. Mehdi stieg aus und hob fragend die Arme. Die Fahrerin zog einen Baseballschläger aus dem Kofferraum, richtete sich auf und ging langsam auf ihn zu.

Mehdi hob die Arme ein bisschen höher und redete auf die Fahrerin ein. Sie schwieg. Sie hielt den Baseballschläger wie ein Zepter vor ihrer Brust und starrte ihn an.

Ich wusste, dass eine Hochzeitsreise mit einer amerikanischen Braut nicht ohne Komplikationen verlaufen würde in Iran, und ich war vorbereitet. Ich trug einen Zettel bei mir mit der Telefonnummer der Schweizer Botschaft in Teheran, die sich um die Amerikaner kümmert. Die Wut der Iranerinnen fehlte in meinem Notfallszenario.

Wir hatten in dem Wagen wie Ausstellungsstücke in einem iranischen Museum gesessen – vorne Mehdi und ich, zwei bärtige Männer, hinten Gypsy, eine verhüllte Frau. Und plötzlich fehlte die Figur, um die sich alles drehte in diesem Land. Der Mann, der eben noch die Hände am Steuer hatte, stand auf der Straße und suchte Schutz vor einer Frau, die ihm den Schädel einschlagen wollte.

Wir wären nicht nach Iran gefahren, wenn wir von Lagunen und verlassenen Buchten geträumt hätten. Wir wollten nicht auf Elefanten durch Indien reiten und in einer Cessna über das Okawango-Delta fliegen. Wir wollten in ein verschlossenes Land eindringen. Uns gefiel der Gedanke, ein Land zu unterlaufen, das von kalten Männern regiert wird.

Der erste Konflikt unserer Flitterwochen war in der Damenabteilung bei C&A ausgebrochen, wenige Tage vor unserer Abreise. Wir stritten über Gypsys Schuhe. Sie sahen aus wie die Schühchen einer spreizfüßigen Ballerina, schwarz und glänzend, auf die Spitzen waren Schleifen geklebt wie auf ein Geschenk. Sie hießen "Yessica", und ich mochte sie nicht. Sie machten meine Frau klein und ließen ihre Füße aussehen wie Schwimmflossen. Ich nannte sie "Mullah-Schuhe".

Gypsy kaufte sie für sieben Euro.

Wir standen auf der Schönhauser Allee in Berlin, und ich hatte das Gefühl, dass die Macht der Mullahs bis Prenzlauer Berg reichte. Sie hatten meine Frau umprogrammiert.

Ich kannte das nicht von ihr, diese Unterwürfigkeit. Sie war in der Bronx aufgewachsen und hatte die Furchtlosigkeit der Unterprivilegierten und die Streitlust von Simone de Beauvoir. Sie war die Tochter einer Frau, die einen Damenrevolver in ihrer Handtasche trug, mit dem hatte sie in die Decke einer Bar geschossen, in der sie ihren Mann aufgespürt hatte, auf dem Schoß eine andere. Und jetzt ließ Gypsy die Mullahs, geistige Herrscher eines ihr fremden Staates, entscheiden, wann sie Frau war und wann Unterworfene. Ich verstand das nicht. "Dir fehlt pragmatische Intelligenz", sagte Gypsy.

Wir wussten, dass die Kleiderordnung der Islamischen Republik Iran auch in Frankfurt am Main gilt, ab dem Moment, in dem Passagiere ein Flugzeug der Iran Air betreten. Am Flugsteig bemerkten wir davon nichts. Wir saßen zwischen unbedeckten Iranerinnen, die nur auffielen, weil sie eleganter gekleidet waren als die Deutschen. Doch irgendwann veränderten sie sich. Je näher der Abflug rückte, desto mehr Frauen hüllten sich in Mäntel und banden Tücher um ihre Köpfe. Sie verschwanden langsam.

Ein paar Iranerinnen blieben unbedeckt. Sie zeigten ihr Haar, die Form ihrer Körper, und sie trugen keine Mullah-Schuhe. Sie gingen auf hohen Absätzen und störten sich nicht an den Blicken, die ihnen folgten.

Aus dem ZEITmagazin Nr. 5/2010 © DIE ZEIT

Gypsy wagte das nicht. Sie wusste, dass sie als Amerikanerin unter besonderer Beobachtung stand. Sie legte einen schwarzen Schal auf ihr Haar und schob ihn so weit zurück, wie sie es auf Bildern aus den Straßen Teherans gesehen hatte. Sie kannte die Kleiderordnung bis ins Detail, sie hatte sie seit Wochen studiert. Manchmal stand sie abends verhüllt vor mir und fragte mich, ob sie mir noch gefalle.

Gypsy wusste, dass die Iranerinnen die Kleiderordnung klüger lesen, als die Mullahs sie schrieben. Dass sie Meisterinnen darin sind, die Regeln zu dehnen und damit zu spielen, dass die Grenze des Erlaubten auf dem Körper einer Frau fließend ist. Aber sie wusste auch, dass Späher durch die Straßen gehen und die Einhaltung der Kleiderordnung überwachen. Sie wusste, dass eine Frau nur Gesicht und Hände zeigen darf.

 

Wir betraten das Flugzeug, und meine in der Dominikanischen Republik geborene, in Amerika aufgewachsene und in Deutschland lebende Frau mit dem Namen einer Zigeunerin hüllte sich aus Respekt vor den iranischen Geboten in einen Mantel, den chinesische Hände genäht hatten, und einen Schal, den wir in Indien von einem Kaschmirer gekauft hatten. Die Globalisierung hat manchmal ein schönes Gesicht.

Gypsy verstand die unbedeckten Iranerinnen und deren Sehnsucht nach Freiheit, aber die deutschen Frauen wurden ihr fremd. Sie sah sich im Flugzeug um, und keine von ihnen trug ein Kopftuch. Gypsy fand das respektlos. Sie hätte den Herren des Wächterrats gefallen, wie sie da stand in ihrem Kopftuch und ihren Mullah-Schuhen und sich empörte über die Frauen des Westens.

Ich saß neben Gypsy und schwieg. Ich stand in Ajatollah Chomeinis Schuld für die Revolution, die er angezettelt hatte. Mein Leben wäre anders verlaufen ohne ihn, trauriger. Ich wäre der ersten Frau meines Lebens nicht begegnet. Er trieb sie in meine Nähe, und wenn er noch lebte, müsste ich ihm dafür die Hand küssen.

Gypsy kannte diesen Teil meiner Vergangenheit. Es störte sie nicht, unsere Flitterwochen im Land meiner ersten Freundin zu verbringen. Sie wusste, dass ich vielleicht nicht den Weg zu ihr gefunden hätte ohne den Einfluss der Iranerin.

Sie hieß Mandana – die Unvergängliche – und war mit ihren Eltern vor Chomeini nach Deutschland geflüchtet. Ich kam ihr in einem Hotel in Warschau näher, und wenn ich sie in den sechs Jahren unserer Liebe gefragt hätte, wäre sie meine Frau geworden. Ich hätte ihren Vater erlöst, dessen Brüder ständig aus Iran anriefen und sagten, sie hätten den perfekten Mann für seine Tochter. Er log für uns und sagte, sie habe schon einen Verlobten.

Ich konnte an Mandanas Vater die Zerrissenheit des iranischen Mannes studieren. Er arbeitete als Barkeeper in einer Diskothek und heiratete eine Frau, die geschieden war. Er liebte seinen schwarzen Jaguar und guten Whisky. Er schien wie der Prototyp des modernen Iraners, doch seine Modernität hatte Grenzen. Er durfte nicht wissen, dass seine Tochter die Pille nahm. Er durfte nicht wissen, dass sie in meinem Bett lag, wenn sie vorgab, bei einer Freundin zu schlafen.

Er wusste es, er wusste alles, aber er musste so tun, als wüsste er nichts. Damals glaubte ich, dass er in einer Lüge lebte. Später verstand ich, dass die Lüge sein Instrument gegen die Verlogenen war, ein Sichtschutz, hinter dem er uns Freiheit gab.

Als Gypsy und ich im Frühling nach Teheran flogen, ahnten wir nicht, welches Beben in Iran bevorstand. Wir ahnten nicht, mit welcher Furchtlosigkeit die Iraner sich gegen das manipulierte Ergebnis der Präsidentenwahl wehren würden – und mit welcher Brutalität das Regime versuchen würde, ihren Widerstand zu ersticken. Wie viele Demonstranten es verhaften, vergewaltigen, erschlagen und erschießen lassen würde. Und dass eine von ihnen, Neda, auf einer Straße in Teheran sterben würde, Blut über ihr Gesicht laufend wie Farbe auf einem Aquarell, ein Projektil in ihrer Brust, weil sie in der Nähe einer Demonstration aus dem Auto gestiegen war, um frische Luft zu atmen.

Wir brachen auf in ein stilles Land. In dem Iran, der uns erwartete, wurde die Meinungsfreiheit still unterdrückt, Dissidenten wurden still verhaftet, die Atombombe wurde still entwickelt. Wir verachteten diesen Staat, aber wir glaubten an die Schönheit des Landes. Wir glaubten, dass die Iraner anders waren als die Männer, die vorgaben, sie zu vertreten.

Die Islamische Republik Iran begrüßte die Amerikanerin mit routinierter Kälte. Auf dem Foto in ihrem Visum lächelte Gypsy, und vielleicht hätte dem Einwanderungsbeamten ihr Lächeln gefallen. Aber er öffnete ihren Pass nicht. Er sah den goldenen Adler und die goldenen Worte "United States of America", nahm den Pass, machte eine scharfe Handbewegung und sagte: "Come!"

Er führte uns zu einem Tisch, hinter dem zwei Beamte saßen wie schockgefroren. Sie waren offenbar zuständig für die schwierigen Fälle. Ich zückte unsere Heiratsurkunde, aber es half nicht, dass sie in New York ausgestellt worden war. Der eine Beamte nahm Gypsys Pass und verschwand, der andere zeigte auf eine Bank an der Wand und sagte: "Wait!"

Wir saßen wie Angeklagte auf der Bank und hatten Zeit nachzudenken. Es überraschte uns nicht, dass die Amerikanerin besonders scharf kontrolliert wurde, aber wir waren sicher, dass Gypsys Leben schon vor der Ausstellung des Visums durchleuchtet worden war, vermutlich auch meins. Wir hatten nichts zu verbergen. Doch nach 20 Minuten wurden wir nervös und überlegten, wie wir reagieren sollten, wenn sie uns trennen würden.

Das ist der Punkt, an den diktatorische Regime ihre Gäste führen wollen. Sie sehen zu, wie man in die Irrationalität abgleitet und Fantasien entwickelt.

Gypsy war jetzt eine Frau ohne Pass, eine Staatenlose in einem hermetischen Staat. Der Beamte hinter dem Tisch starrte uns an. Gypsy lehnte sich zu mir herüber und flüsterte: "Mein Herz springt aus meiner Brust."

Irgendwann kam der Beamte mit Gypsys Pass zurück, setzte sich an den Tisch und nahm ein Stempelkissen aus der Schublade. Er legte ein Formular daneben, auf das zehn kleine und zwei große Kästen gedruckt waren. In den kleinen Kästen musste Gypsy ihre Fingerabdrücke einzeln hinterlassen, in den großen die Fingerabdrücke der ganzen Hand. Dann schob der Beamte den Pass über den Tisch und grinste. Er schien es zu genießen, dass die Amerikanerin jetzt eine Weile mit blauen Fingerkuppen durch sein Land laufen musste, wie eine Verbrecherin.

Wir fuhren in die Stadt, und unser erstes Bild vom Land waren die erleuchteten Minarette des Chomeini-Mausoleums, sie stachen wie Lanzen in den Nachthimmel. Chomeini verfolgte uns. Ständig beobachtete er uns aus irgendeiner Ecke. Unser Hotel trug den Namen Ferdowsis, eines großen iranischen Schriftstellers, aber wir sahen überall nur Chomeini. Wir gingen an einem Chomeini-Bild und einer Chomeini-Büste vorbei in den Aufzug, betraten unser Zimmer und sahen zwei Einzelbetten, dazwischen hing ein Bild von Chomeini. Wir dachten, es sei ein Missverständnis. Vielleicht hatten wir kein Doppelbett, weil Gypsy nicht unterwürfig genug war, ihren Familiennamen für meinen zu opfern. Wir gingen zur Rezeption und erklärten dem Concierge, dass wir auf Hochzeitsreise seien und in einem Bett schlafen wollten. Er sah uns verwundert an und sagte, iranische Ehepaare schliefen in getrennten Betten.

Wir pfiffen auf diese iranische Sitte und schoben unsere Betten unter dem Bart des Ajatollahs zusammen. Dann zog Gypsy sich vor ihm aus. Der Ajatollah musste einiges mitansehen auf unserer Hochzeitsreise. Vielleicht starrte er deswegen immer so grimmig.

Am nächsten Morgen, wir liefen durch Teheran, sah Gypsy ihr Spiegelbild in einem Schaufenster und stoppte, drehte sich und sagte: "Ich bin elegant." Das ist der Denkfehler der Mullahs. Sie begreifen nicht, dass die Verhüllungen, in die sie die Frauen zwängen, wie ein Rahmen sind, der ihre Schönheit betont.

 

Am Nachmittag stritten wir uns, und Gypsy ging allein durch die Stadt. Nach einer Stunde kam sie zu mir zurück, aufgewühlt. Sie ließ ihre Tasche fallen und sagte: "Die zischen mir nach!" Sie meinte die Männer. Sie kannte das aus Santo Domingo, aber das Zischen der dominikanischen Männer hatte etwas Spielerisches. Das Zischen der iranischen Männer wirkte verkrampft, sie sagten kein Wort. Ihre Sprachlosigkeit machte Gypsy Angst.

Manchmal dachte ich, die Mullahs sollten eine Studienreise nach Berlin machen. Sie sollten sich ein paar Tage zwischen Frauen bewegen, die ihre Bäuche heraushängen lassen, ihre Haare in Kaugummifarben tönen, Bierflaschen statt Handtaschen tragen und im Sommer auf nackten Füßen durch die Stadt laufen. Sie würden mit dem perfekten Plan nach Teheran zurückkehren, die Sinnlichkeit aus den Straßen zu verbannen.

Gypsy studierte die Iranerinnen und bekam ein Gefühl für die Dehnbarkeit der Kleidervorschriften. Sie sah immer mehr Haut. Sie sah Frauen, die ihre Tücher so weit zurückschoben, dass sie ihnen fast vom Kopf fielen. Sie sah Ärmel, die nur bis zum Ellbogen reichten. Sie sah Röhrenjeans unter Mänteln, die so eng geschnitten waren, dass sie die Figur der Frau betonten, statt sie zu verhüllen.

Gypsy blieb verschlossen, sie wollte nicht die zügellose Amerikanerin sein. Sie verschwand jeden Morgen in ihrem Mantel und schloss ihn bis zum Hals. Sie stand immer länger vor dem Spiegel und verzweifelte an der Frage, wie weit sie gehen durfte. Am Morgen eines heißen Tages stellte sie sich unverhüllt vor mich und fragte: "Glaubst du, ich muss den Mantel tragen?" Ich zog den Reißverschluss des Mantels zu. Gypsy sah an sich herunter und sagte: "Ich bin unterdrückt."

Die offenen Iranerinnen stachen hervor, wenn sie auf die verborgenen Iranerinnen trafen, die von jungen Männern "B.M.O.s" genannt werden – black moving objects, die nur ihre Augen zeigen und in schwarzen Gewändern durch die Straßen flattern. "Die können schwanger werden, und niemand merkt es", sagte Gypsy. Die Verborgenen können vieles tun unter ihren Gewändern.

Eines der schwarzen bewegten Objekte ging an uns vorbei, und für einen Moment sahen wir die offenen Schuhe und die Fußnägel. Sie waren rot wie die Sünde lackiert. Ich verstand jetzt das Glühen des iranischen Mannes für die Fesseln der Frau. Sie sind die erotischste Zone in einem körperlosen Land.

Wir begannen, Abgründe hinter den Schleiern zu sehen, kleine Revolten. Und dann sahen wir die zwei Frauen, die durch die Lobby unseres Hotels stolzierten, unverhüllt. Die eine hatte das Haar und den Schönheitsfleck von Cindy Crawford und trug Stiefel mit Absätzen, mit denen man jemanden erstechen könnte. Die andere hatte den Lidstrich und die Ausgezehrtheit von Amy Winehouse und flüsterte in ihr Telefon. Wir wollten sie fragen, ob sie uns mitnehmen auf eine der illegalen Partys, mit Tanz, Alkohol und anderen Sünden. Aber als wir ihnen näher kamen, verloren wir den Mut. Sie waren Männer.

Die Lüge war die Tarnung der Liebenden in Iran, lange bevor Chomeini die Macht an sich riss. Die Tür eines alten Teehauses in Yazd, in der Mitte des Landes, erinnerte uns daran. An den Türen des alten Persiens hingen getrennte Klopfer für Mann und Frau. Der Mann klopfte mit einem massiven Stück Eisen, die Frau mit einem Ring, sie hatte den sanfteren Klang. Wenn der Mann seiner Geliebten nah sein wollte hinter den Fassaden der Unberührtheit, wechselte er das Geschlecht. Er klopfte als Frau an ihre Tür.

Chomeini mochte das Verschwimmen der Grenze zwischen Mann und Frau nicht, und er schaffte Klarheit. Im Jahr 1984 erließ er eine Fatwa, die Transsexuellen eine Geschlechtsumwandlung erlaubte. Transsexuelle, sagte der Ajatollah, seien gefangen im falschen Körper. Er befreite sie und brachte den männlichen Frauen Penisse und den fraulichen Männern Vaginas. Es ist Teil von Chomeinis Vermächtnis, dass Iran ein Budget für Geschlechtsumwandlungen hat.

Der Ajatollah wurde zum Gott der plastischen Chirurgen. Die Hülle, in die er die Iranerinnen presste, reduzierte das Bild der Frau auf ihre Hände und ihr Gesicht. Er zwang die Männer, den Frauen ins Gesicht zu sehen, und sie sahen die dunkelsten Augen, die perfektesten Brauen und die schönsten Nasen.

Ich mochte die iranische Nase, sie gab dem Gesicht der Iranerin etwas Mystisches. Ich machte denselben Fehler wie Chomeini. Die Iranerinnen wollen keine Nase, die hervorsticht aus dem Rahmen des Kopftuchs, die verstößt gegen die Konventionen des Westens. Sie träumen von der kalifornischen Nase, einer schlanken, stromlinienförmigen Nase, einem Strich im Gesicht. So schuf der Ajatollah das gelobte Land der Schönheitschirurgen. Für ein paar Tausend Dollar hobeln sie die Unebenheit aus dem iranischen Gesicht.

Die operierten Iranerinnen verstecken sich nicht, sie warten nicht, bis die Narben verblassen. Sie können es kaum erwarten, ihr mit Pflastern verklebtes Gesicht auszuführen und zu zeigen, dass sie sich eine kleine Nase leisten können. Das Nasenpflaster ist die Gucci-Tasche der Iranerin.

Die Nase war nur der Anfang. Die Chirurgen arbeiteten sich langsam vor auf dem Körper der Iranerin. Sie spritzten immer mehr Lippen auf, und im Verborgenen arbeiteten sie daran, auch die Körbchengröße auf kalifornisches Niveau zu pumpen.

Die Männer waren nicht besser. Sie waren weniger gebildet als die Frauen, weil viele auf ein Studium verzichteten und dem schnellen Geld nachliefen, um sich eine schöne Braut zu kaufen. Aber bei den Nasenoperationen holten sie langsam auf. Auch sie versteckten ihr mit Pflastern verklebtes Gesicht nicht.

Gypsy mochte die operierten Männer nicht. Sie hielt einen 20000-Rial-Schein, von dem Chomeini blickte, in ihren Händen und fuhr mit dem Finger über das Gesicht des Ajatollahs. "Er war ein gut aussehender Mann", sagte Gypsy. Sie fand seine Nase schön.

Wir brachen auf in den Süden und folgten der Straße der Sucht. Die Autobahn zwischen Teheran und Kerman ist die Hauptschlagader des Drogenhandels in Iran, über sie werden die geschätzten fünf Millionen Abhängigen im Land mit Opium und Heroin versorgt. Wir sahen davon nichts. Wir sahen nur ein trockenes, schroffes Land. Eine endlose Galerie von Schildern mit den Porträts vermeintlicher Märtyrer zog an uns vorbei, geschlachtet im Krieg mit dem Irak, ausgestellt am Straßenrand wie Werbeträger.

Auf einem Parkplatz sahen wir eine andere Galerie. Ein Lastwagenfahrer öffnete seine Tür, und auf der Innenseite klebten Bilder halb nackter Frauen. Als er sich erhob, kam auf seinem roten Sitzbezug eine lebensgroße Halbnackte zum Vorschein. Er saß bei der Arbeit auf ihrem Schoß.

Die Mullahs haben die Liebe gespalten, in eine erlaubte und eine verbotene. Die erlaubte Liebe ist ein Korsett, das den Liebenden die Luft abschnürt. Darum flüchten sie in die verbotene Liebe. Sie dürfen vor der Ehe mit niemandem schlafen, aber wenn sie es doch tun, gibt es Lösungen. Den Mann fragt niemand, ob er unberührt ist – und die Frau kann für 500 Dollar ihr Jungfernhäutchen wieder zunähen lassen.

 

Geld ist ein wichtiger Wirkstoff in der iranischen Liebe. Die Eltern der Braut können große Summen verlangen für ihre Tochter. Dafür erwirbt die Familie des Bräutigams sie mit einer Geld-zurück-Garantie – für den Fall, dass die Ehe scheitert. Der Wert der Frau ist genau bemessen in der Arithmetik des iranischen Rechtsstaats. Im Leben, als Braut, ist die Frau am wertvollsten. Wenn sie aber stirbt und jemand die Schuld trägt an ihrem Tod und Blutgeld für sie bezahlen muss, ist sie nur halb so viel wert wie der Mann. Nur tote Christen sind weniger wert als sie, der Mann ein Dreizehntel eines Muslims, die Frau ein Sechsundzwanzigstel. Wir trauten uns nicht, nach dem Wert toter Juden zu fragen.

Ich betrachtete die iranische Liebe wie eine Welt hinter Glas. Ich reiste mit einer Frau durch das Land, die sich für mich entschieden hatte, als ich ohne Geld war und ohne Versprechen. Ich musste nichts für sie bezahlen, und ich durfte herausfinden, ob ich gern mit ihr schlafe, bevor ich sie heiratete.

Mit einem Mann zu schlafen, der nicht ihr eigener ist, kann tödlich enden für eine Iranerin. Eine Affäre kann auch den verheirateten Mann in den Tod führen, aber er darf auf die Maskulinität des iranischen Rechtsstaats hoffen. Die Aussage der Frau, wie ihr Leben, ist vor Gericht nur die Hälfte wert.

Das war der andere Iran. Wir sahen ihn nicht, aber wir hörten von ihm. Während ich mit meiner kostenlosen Braut durch das Land reiste, warteten irgendwo sieben Frauen und zwei Männer auf ihre Steinigung. Wegen Unzucht und Ehebruch. Der Vollzug der Steinigung war ausgesetzt, aber wenn der Moment kommt, müssen die Verurteilten in eine Grube steigen, aus der die Frau bis zur Brust ragt und der Mann bis zur Hüfte. Die Steinigung hat eine präzise Choreografie. Die Steine dürfen nicht zu groß sein. Die Gerechtigkeit soll langsam über die Unzüchtigen kommen.

Ich wurde still. Ich hatte in meinem Leben Dinge getan, für die ich in diesem Land gesteinigt werden könnte. Meine Unzucht war nicht unbestraft geblieben, doch ich war billig davongekommen. Ich erinnerte mich an die Wucht, mit der die betrogene Sächsin mir ins Gesicht schlug, und die Sanftheit, mit der die Iranerin mich steinigte. Sie bewarf mich mit den Briefen der anderen.

Am Abend liefen Gypsy und ich durch Kerman und sahen ein Haus, an dessen Fassade zwei rote Herzen blinkten, sie verschmolzen miteinander. Wir vermuteten Dunkles und schlichen uns hinein. Aber der Club der zwei Herzen war kein Sündenpfuhl, man konnte hier keine Liebe kaufen, nicht auf die schnelle, verruchte Art. Es war ein Hochzeitssaal.

Die iranische Hierarchie war auf den Kopf gestellt in diesem Haus – die Frauen feierten oben, die Männer unten. Die Braut war schön, sie hatte kohlschwarze Augen und eine iranische Nase, und sie tanzte unverschleiert. Ich sah sie nicht, das durfte ich nicht. Gypsy erzählte mir von ihr. Ich saß unten bei den Männern, die ihre Saftgläser anstarrten.

Ich fühlte mich wie ein Schmutziger in dieser Aura der Reinheit. Die Trennung der Frauen von den Männern und die Verbannung des Alkohols und der Lust waren das Gegenteil all dessen, was auf unserer Hochzeit erwünscht war. Wir hatten die üppige Türkin neben den geschiedenen Deutschen gesetzt und auf Anziehung gehofft, meine Braut hatte mit anderen Männern getanzt, wir hatten dominikanischen Rum in großen Mengen getrunken, und morgens um fünf hatte ein Schwuler in großer Verzehrung eine Frau geküsst.

Im Club der einsamen Herzen war all das tabu. Die Frauen zogen Gypsy in ihre Mitte und reichten ihr Süßigkeiten. Die Männer brüteten in ihrer Saftquarantäne und ignorierten mich. Ich hätte sie gern zum Sturm auf die Frauenetage angestiftet, doch ich lernte, dass sie an anderen Orten Trost finden.

Für die Schiiten, die große Mehrheit der Iraner, ist die Ehe ein weites Feld, jedenfalls für die Männer. In ihren Ehen ist Platz für bis zu vier Frauen, und wenn ihnen die nicht reichen, dürfen sie ihr Frauenportfolio um ein paar Zeitehen erweitern. Die Zeitehe kann bis zu 99 Jahre dauern, aber die beliebtere Variante endet nach einer Stunde, darum nennen die Iraner sie auch "Genussehe".

Der Genuss ist aufseiten des Mannes. Er muss seiner ersten Frau nichts von seiner Zeitehe erzählen, und mit der Genussehefrau muss er nur über deren Preis verhandeln. Es gilt das gesprochene Wort, auch das ist ein Genuss für den Mann in einem Land, in dem sein Wort vor Gericht doppelt so schwer wiegt wie das der Frau. Wenn der Mann will, kann er in den Zeitehevertrag aufnehmen, wie oft es zum Sex kommen soll. Die Frau hat keinen Anspruch auf Sex, und sie darf nicht verheiratet sein. Sie muss nur mindestens so alt sein wie Aisha, als der Prophet Mohammed sie zu seiner dritten Frau nahm. Aisha war neun.

Die Zeitehe erlaubt den Männern ein abwechslungsreiches Sexleben, in dem es keinen Ehebruch und keine unehelichen Kinder gibt. Die Bräute der Zeitehen sind geschiedene Frauen. Weil sie für die Dauerehe verbrannt sind. Sie brauchen das Geld und hoffen darauf, dass der Mann länger als eine Stunde mit ihnen verheiratet bleibt und seine erste Frau für sie verlässt. Sie geben sich diskret zu erkennen, wenn sie zur Zeitehe bereit sind. Sie tragen die Innenseite ihres Tschadors nach außen.

Es war Mitternacht, doch in dem Geschäft brannte noch Licht. Eine ältere Frau stand, in einen Tschador gehüllt, vor einer weißen Wand, von der Chomeini und Chamenei ihr über die Schulter blickten, Chomeini über die linke, Chamenei über die rechte. Ich stoppte, um sie zwischen den Ajatollahs zu fotografieren. Sie rief ihre Tochter herbei, und es begann ein gefährliches Gespräch.

Ich darf nicht schreiben, wie die Tochter heißt und in welcher Stadt wir ihr begegneten. Es könnte, wenn die Hüter der iranischen Ordnung sie fänden, furchtbare Konsequenzen für sie haben. Sie erzählte uns von ihrer verbotenen Liebe.

Sie hatte einen lyrischen Namen und sprach gutes Englisch, sie mochte die Sprache des Feindes und seine Literatur. Sie war Anfang zwanzig und wollte nicht verhaftet werden für das Verbrechen, einen Freund zu haben.

Die Tochter erzählte uns von dem Tag, an dem sie die Mullahs zu hassen begann. Es geschah, als sie mit ihrem Freund Eiscreme kaufte. Sie hatten bis zum Abend gewartet, um das Eis im Schutz der Dunkelheit zu essen. Sie fuhren in eine stille Straße, sie saß am Steuer, weil es sie aussehen ließ wie Schwester und Bruder. Sie hatten gerade geparkt, als ein Wagen hinter ihnen stoppte. Zwei Männer stiegen aus und ließen Handschellen vor den Verliebten pendeln.

Die Männer trugen keine Uniform und wiesen sich nicht aus, das mussten sie nicht. Die Tochter wusste, ein falsches Wort würde reichen, und die Männer würden sie in ein Gebäude schleifen, das jeder kennt in der Stadt. Das Gefängnis der verbotenen Liebe. Dort hätten die Eltern ihre unzüchtigen Kinder abholen, eine Strafe zahlen und eine Erklärung unterschreiben müssen, dass so etwas nie wieder vorkommen werde. "Wir haben nicht das Recht, Eiscreme zu essen", sagte die Tochter, Tränen stiegen in ihre Augen.

 

Wir gingen in unser Hotel, und ich hängte Chomeinis Bild mit dem Gesicht zur Wand. Wir wollten ihn eine Weile nicht sehen.

Wir machten uns auf den Weg nach Schiras, und der iranische Polizeistaat erinnerte uns daran, dass ihm die Liebe Angst macht. Schiras ist die Stadt der Dichter, das romantische Herz des alten Persien, aber wir waren nur wegen Hafis gekommen. Die unverhüllte Atemlosigkeit, mit der er über Liebe und Lüge in den Zeiten der Despotie schrieb, berührte uns. Er nannte sich einen "Leibeigenen der Liebe", er zechte und träumte davon, Gebetsteppiche mit Wein zu tränken, er schrieb sich die Lust aus dem Leib. Hafis lebte im 14. Jahrhundert, als Moschee und Staat verschmolzen waren und die Mullahs mit Willkür regierten. Wir lasen seine Gedichte und hatten das Gefühl, er lebte noch.

Das Mausoleum des Hafis ist ein Wallfahrtsort der Liebenden, das Hochzeitsreisemekka Irans. Junge Ehepaare kommen aus dem ganzen Land, um Hafis nah zu sein, und wir folgten ihnen. Wir legten unsere Hände neben ihre auf seine kalte Grabplatte und flüsterten, während sie die erste Sure des Korans rezitierten, einen weltlichen Wunsch.

Hafis zieht sie alle an, die glücklich und die unglücklich, die verzweifelt und die verboten Verliebten. Er ist der Schutzpatron der Liebenden. An keinem anderen Ort sahen wir so viele Paare, die sich berührten, und im Schatten des Mausoleums sahen wir Männer, die es laut Präsident Ahmadineschad in Iran nicht gibt. Sie hatten ihre Haare zu Vogelnestern modelliert, das unterschied sie nicht von anderen jungen Männern. Aber ihre Augenbrauen waren zu perfekt, ihre T-Shirts zu eng, ihre Fingernägel zu geschliffen, und einer saß auf dem Schoß eines anderen. Und als sie zwei Polizisten nachsahen, als seien diese ihre heimlichste Fantasie, wussten wir es.

Wir wussten, dass die Regierung Schwule verfolgt, aber wir verstanden nicht, wie privilegiert die Männer in der romantischen Atmosphäre an Hafis’ Grab waren. Bis wir die Bilder einer anderen Generation junger Iraner sahen. An der Straße nach Isfahan stand ein weißes Gebäude, geschmückt mit iranischen Flaggen. Wir gingen hinein und sahen die Gräber von drei Soldaten, die im Krieg gegen den Irak gestorben waren. Die Regierung nannte sie Märtyrer. An den weißen Wänden hingen Bilder, die zeigten, wie Märtyrer enden. Die ersten Bilder zeigten lächelnde Männer, die, bis zur Brust im Wasser, durch Schilf wateten und Gewehre über dem Kopf hielten. Die letzten Bilder zeigten Männer, denen etwas fehlte. Ein Arm. Ein Bein. Der Kopf.

In Isfahan fiel all das von uns ab. Die Luft war klar und die Nacht warm, und wir kamen dem iranischen Mann näher. Wir gingen über die 33-Bogen-Brücke und beobachteten einen Mann, der sich von einem Straßenzeichner porträtieren ließ. Der Mann zeigte auf das Bild und fragte: "Beautiful?" Seine Nase war ihm zu groß, obwohl der Zeichner sie kleiner gemacht hatte, als sie in Wirklichkeit war. Er zeichnete auch uns mit kleineren Nasen und schmaleren Brauen, er machte uns zu Iranern. Zum Abschied reichte er Gypsy die Hand. Er war der erste Iraner, der meine Frau berührte.

Wir suchten diese Nähe und fanden sie in einem Teehaus unter der Brücke. Teehäuser sind die iranischen Bars, ein Placebo für die Geselligen in einem Land, in dem das Trinken von Alkohol eine Sünde ist. Dort lernten wir Mehdi und seinen Bruder Mohammed kennen. Sie brachten uns Safran-Eiscreme und erzählten uns von ihren Schwierigkeiten, eine Braut zu finden.

Mehdi und Mohammed waren Anfang dreißig, und ihr Vater wurde unruhig, weil seine Söhne noch nicht verheiratet waren. Das Problem war das Geld – die Familie hatte zu viel davon. Mehdi und Mohammed fühlten sich von den Frauen vor allem wegen ihrer Kaufkraft umworben. Das ist das Luxusproblem reicher Söhne in einem Land, in dem Bräute einen Preis haben. "Vielleicht sollte ich eine Ausländerin heiraten", sagte Mehdi.

Als Mann mit einer ausländischen Braut konnte ich nicht gegen die Ausländerinnen argumentieren, aber ich erzählte Mehdi von den New Yorkerinnen, denen ich vergeblich nachgelaufen war. Ich erzählte ihm vom Wert des Mannes in einer Stadt, in der Frauen gern Konteneinsicht verlangen von denen, die sie begehren. Gypsy legte ihre Hand auf Mehdis Arm und nickte. Er sah sie ungläubig an.

Wir redeten bis tief in die Nacht und machten Erinnerungsfotos. Gypsy stellte sich zwischen die Brüder, doch sie passten nicht ins Bild. Mehdi und Mohammed hielten Abstand und pressten die Arme an ihre Flanken wie Soldaten zum Appell. Ich dirigierte sie, näher an meine Frau zu treten. Sie sahen sich um, als planten sie ein Verbrechen, und legten die Arme um Gypsy.

Der kleine Schah wollte nicht ins Bild. Er hatte uns englisch sprechen hören und sich zu uns gestellt, doch jetzt hielt er Abstand. Mehdi kannte ihn, er war Stammgast im Teehaus. Sein Englisch war amerikanisch gefärbt. Er trug einen Nadelstreifenanzug, der glänzte wie Speck, als hätte er ihn lange nicht abgelegt. Er trug ihn wie seine Vergangenheit.

Sein Name war derselbe wie der des letzten Schahs, Mohammed Resa. Wir spazierten am Ufer des Flusses, und er erzählte uns seine Geschichte. Er sagte, er sei Journalist gewesen und für das Schreiben der Wahrheit mit Jahren im Gefängnis bestraft worden. Jetzt arbeite er in einer Polizeistation. Er putze dort.

Ich betrachtete den kleinen Schah im Konjunktiv, weil ich Zweifel an seiner Geschichte bekam. Er sagte Dinge, die einen vorsichtig werden lassen in einem Überwachungsstaat. Er sagte, er habe uns am Morgen in der Nähe unseres Hotels gesehen. Er wollte wissen, ob ich einen Laptop mitgebracht hatte und ausländische Zeitungen.

Vielleicht war er ein armseliger Spitzel, vielleicht war er ein abgerissener Mann, der den Dreck jener wegputzte, die ihn gebrochen hatten. Wir konnten ihn nicht einordnen. Wir verabschiedeten uns mit der Lüge, erschöpft zu sein von unserer Hochzeitsreise, und er bat uns, ihm noch ein paar Minuten zu schenken. Er setzte sich auf eine Mauer und zog ein Schulheft und einen Füller aus seiner Tasche und schrieb ein Liebesgedicht für uns.

Am nächsten Abend trafen wir Mehdi im Teehaus wieder. Er holte sein Auto und versprach, uns zu dem Berg mit der schönsten Aussicht auf Isfahan zu fahren. Ich setzte mich auf den Beifahrersitz, und er legte eine mit Geldscheinen gefüllte Plastiktüte zwischen meine Füße. Es waren die Tageseinnahmen aus dem Geschäft seines Onkels.

Wir fuhren aus der Stadt, die wie ein Lichtermeer hinter uns lag, und ignorierten, wie Mehdi sich vor uns spreizte und die anderen Autos aus dem Weg drängte. Bis die Frau mit dem Baseballschläger vor ihm stand. Sie war größer als er.

Die Straße vor Isfahan lag wie das Bühnenbild des anderen Iran vor uns. Im Scheinwerferlicht stand der iranische Mann im Moment des Zusammenpralls, als er eingeholt wurde von seiner Ignoranz und dem Zorn der Frauen. Er sah verloren aus.

Mehdi kam zum Auto zurück und griff in die Tüte mit dem Geld. Er nahm, was er fassen konnte, und hielt der Fahrerin die Scheine vor ihr Gesicht. Sie senkte den Schläger, legte ihn in den Kofferraum und stieg in ihr Auto. Dann fuhr sie davon und ließ Mehdi mit einer Handvoll Geld auf der Straße stehen, einen kleinen, erniedrigten Mann.