Warum zittere ich? – Seite 1

Sprechen konnte sie noch, und so hat sie die Rede auf ihren toten Vater bis zum Schluss vorgetragen. Vom Kinn aufwärts war alles in Ordnung. Doch der Mensch unterhalb des Kopfes wurde anfallsartig von einem derart heftigen Zittern geschüttelt, dass die zuschauende Mutter im Publikum tief erschrocken war und die Redende bleibend verunsichert. Ein unerhörtes Ereignis, am eigenen Leibe erfahren: Was war geschehen?

Die New Yorker Schriftstellerin Siri Hustvedt hat sich in ihrem neuen Buch Die zitternde Frau dem Rätsel dieses Zitterns zugewandt. Trieb die Erinnerung an den Vater solche ernsten Spiele mit ihr? Wie war es möglich, dass sie hatte weiterreden können? Hatte sich die Redende von einem fremden Teil ihrer selbst distanziert? Hatte sich der zitternde Körper von dem souverän erzählenden Selbst unabhängig gemacht, weil dieses wenig überzeugenden Unfug erzählte? Was war überhaupt von der Überzeugungskraft einer Rede zu halten, die eine Schlotternde vorträgt? Was hielt die Körpersprache so offensichtlich der artikulierten Rede entgegen? Und warum?

Es ist die erstaunlich klare und diskrete Sachlichkeit von Hustvedts Selbsterkundung, die von Anbeginn der Erzählung die Befürchtung zerstreut, nun werde man auf intimen Schleichwegen zum fantasierten Vatermord inklusive lähmender Schuldgefühle geführt und unterwegs mit allerhand Privatem aus dem Hause Hustvedt behelligt, das einem von der kleinen Siri und einem übermächtigen Papa erzählt. Davon kann in diesem Buch, das Privates kaum preisgibt, die Rede nicht sein. Es ist, auf dem Markt der selbstbefangenen Krankheitsreporte, von einer verblüffenden Diskretion. Dass ihre Mutter einmal gesagt habe, sie sei zu empfindlich für diese Welt, dass sie ihrem Vater beim letzten Telefonat etwas Unvergessliches sagen wollte: Dies gehört zu den offensten Mitteilungen. Im Übrigen ist allem Erzählten ein Ton leiser Verwunderung unterlegt.

Die 54-jährige Schrifstellerin Siri Hustvedt aus den USA © Rowohlt Verlag

Auch eine andere Skepsis löst sich bald auf: Dass nämlich, bloß wegen eines prominenten Zitterns, ein sprachtheoretisches Seminar über einen hereinbrechen könnte, was ja nur naheläge, wenn eine belesene Schriftstellerin, die sowohl Tochter eines Sprach- und Literaturprofessors (Lloyd Hustvedt) ist als auch Frau eines angesehenen Schriftstellers ( Paul Auster ), obendrein über Sprache und Identität im Werk eines der großen Schriftsteller promoviert hat ( Charles Dickens ), nun rätselt, warum sie der Sprache noch mächtig ist, während der Körper zitternd klein beigibt (wegen der Übermacht des Symbolischen nämlich). Nichts davon in dieser Erzählung. Sie ist ohne theoretische Überlast so sorgfältig in der Entfaltung ihrer Motive, dass man keine Zeile verpassen will.

Und noch eine dritte Ungemütlichkeit verfliegt gleich auf den ersten Seiten des Buchs: Der Verdacht, dass nämlich die androgyne Erotik des Geistes, die in der körperlichen Schönheit dieser europäisch gebildeten Autorin spürbar ist wie in ihren Werken, schon den ganzen Stoff für die Faszination des neurologisch angesagten Gegenstandes hergeben soll: der schillernden Verhältnisse von Körper und Seele, Leib und Geist, Nerven und Psyche, Gehirn und Vernunft. Hinreichend diffus, um als Stoff für älter werdende New Yorker Intellektuelle bei ihren Dinnerparties zu taugen.

Stattdessen vermittelt Hustvedt, am Geländer von Freuds klassischen Werken und diszipliniert fragend, präzise die Geschichte und Gegenwart des medizinischen Wissens. Dieses Buch einer Autorin, die in ihrem literarischen Werk, ob in der Unsichtbaren Frau oder in der Verzauberung der Lily Dahl, Nachtseiten des Ichs vielfach erkundet hat, ist umso erstaunlicher, als es einer dicht erzählten Novelle ebenso gleicht wie einem spröden, anmerkungsreichen Forschungsbericht. Es erzählt in biografischen Episoden vom Tod des Vaters, von der Rede der Zitternden und von deren drängender Suche nach den Gründen, und es nimmt dabei wie zwangsläufig den Weg über die historische Erforschung dessen, was man wissenschaftlich und ärztlich wissen kann: Der Weg führt von der Konversionsstörung, die man seit Sigmund Freud als den körperlichen Ausdruck einer starken psychischen Erregung auffasst, über die Erscheinungsformen der Epilepsie und Migräne und die pharmakologische Behandlung von traumatischen Erinnerungen bis zu den neurologischen Krankheitsbildern durch Hirnschädigungen, die Körpergrenzen verschieben.

Nichts davon passt genau auf Hustvedts Fall, und doch lässt er sich erst vor dem Hintergrund dieser immer anders verschobenen wissenschaftlichen Wahrnehmungen einleuchtend entfalten. Wenn die Psychiatrie sich um kranken Geist kümmert, die Neurologie um kranke Gehirne, die Psychoanalyse um kranke Seelen und die Menschen heute vorzugsweise zum Neurologen gehen, dann ist es angesichts solcher Arbeitsteiligkeit und Vorliebe von Belang zu fragen, was eigentlich den Geist, das Gehirn, die Seele voneinander unterscheidet. Und von wo die Aufträge zu solchem Zittern erteilt werden.

 

Kenntnisreiche Wissenschaftler sagen heute, Genaues über die wechselseitige Abhängigkeit von Körper und Geist wisse man nicht, aber es gebe sie zweifellos. Hustvedt ist wie Freud, ohne Angst vor dem Widerspruch, Materialistin und Kantianerin zugleich: Die Wahrheit ist immer auch körperlich, aber sie ist stets von der Wahrnehmung und Deutung abhängig. Heilsam kann sie erst werden, wenn sie die Patientin auch überzeugt. Die wiederum kann Symptome und Schmerzempfinden mental beeinflussen. Mit dieser Geschichte meiner Nerven hat Hustvedt auch eine glasklare Medizingeschichte der Hysterie, Epilepsie und Migräne vorgelegt, in der stets, vom antiken Arzt Galen bis zum modernen Neurologen Jean-Martin Charcot, die Männer die Ärzte waren und die Patientinnen weiblich: "Die Frage lautete immer: Eine Frau zittert. Warum?"

Nun ist es eine Frau, die diese Frage stellt, an sich selbst und doch über den Umweg der historischen Krankenhäuser, anhand der klassischen Patientinnen aus der Pariser Salpêtrière, von Freuds Hysteriepatientin Bertha Pappenheim und von Fallerzählungen aus dem Panorama der heutigen Panik- und Angststörungen, die sich körperlich äußern, ohne dass man sie organisch zweifelsfrei nachweisen könnte. Auch an Hustvedts Gehirn lässt sich in der Kernspintomografie nichts Auffälliges nachweisen. Aber sie kennt dafür Freud und seine Kollegen, die wussten, dass Hysterie nicht im üblichen Sinne organisch ist. Und sie weiß ihrerseits, dass sich bis heute nichts wirklich daran geändert hat.

Die Autorin wird gleichsam zur Ärztin ihrer selbst, indem sie sich als Analytikerin der Medizingeschichte betätigt, deren Teil sie ist. Dass gesichertes Wissen über die Natur die Angst vor dem Unheimlichen nimmt und dass Wissenschaft Menschen also stärken kann, ist ein roter Faden der Aufklärung, der sich durch diese Erkundung zieht, und doch ist in dem Buch die ganze Absurdität des modernen Wissenschaftsglaubens in einer pluralisierten Expertenlandschaft immer präsent. Literatur, sagt Hustvedt, kann manchmal mehr wissen als all das Erforschte zusammen.

Entscheidend an aller Theorie ist für Siri Hustvedt schließlich, was heilt und also einen Menschen wieder handlungsfähig macht: Sie möchte, über den eigenen Fall hinaus, dem Subjekt in der Wissenschaft zur Anerkennung verhelfen, weil eine Welt der Tatsachen sonst sprachlos, ohne Bedeutungen bleibt.

Nirgends fallen Klischeeworte wie das von einer männlichen Wissenschaft, doch wie nebenbei entweiblicht Hustvedt auf ihren Forschungswegen die Hysterie, indem sie Männer, die als Soldaten Kriegstraumata in physische Symptome wie Lähmungen verwandelt haben, als Hysteriker beschreibt. Zu ihren vielen Funden gehört auch: dass die idealistische Vorstellung von der Einheitlichkeit des Selbst als revidiert gelten kann; dass ein Trauma als eine Form von Sprachlosigkeit, als Existenz außerhalb der verstreichenden Zeit zu verstehen ist; dass die Wörter "Ich erinnere mich" an sich bereits therapeutische Wirkung haben.

In der Erzählung von der zitternden Frau lässt eine Diagnose bis zuletzt auf sich warten, und auch eine Heilung im herkömmlichen Sinne bleibt aus. Das Zittern kehrt immer wieder, ohne dass sein Eintreten vorhersehbar oder seine Merkmale verallgemeinerbar wären. Eine Pille hilft einigermaßen. Das Zittern wird indes durch die Suche erzählbar. Die Schriftstellerin, die nie eine Analyse durchlaufen hat und sich nicht depressiv unter die Nichtswürdigkeit beugen muss, begibt sich nun in eine Art Lehranalyse, um mehr zu verstehen. Dort lernt sie: Nein, eine Konversionsstörung sei dies nicht. Ihre Selbstdiagnose hätte demnach getrogen. Beheben lässt sich das merkwürdige Zittern nicht, doch das Erzählen kann es in sich aufheben, als einen Teil jener Person, die verstehen will, inwiefern sie das Subjekt einer Geschichte ist oder doch nur ein Nervenbündel.

Sie ist beides. Darin liegt für Hustvedt keine Kränkung, weil sie sich zu den "milden Denkern" zählt: So hat der große pragmatische Psychologe William James (1842–1910) jene Leute genannt, die von den "sturen Denkern" für "sentimentale Weichköpfe" gehalten werden, weil sie meinen, dass Emotionen wesentlich für vernünftiges Denken sind. Hustvedt kann mit den Mehrdeutigkeiten der leib-seelischen Natur des Menschen leben und kommt ohne den strengen Dualismus von Geist und Körper aus. Indem sie zur forschenden Erzählerin ihres Lebens wird, entzieht sie sich aber nicht nur jeder naturalistischen Vereindeutigung ihrer Existenz. Sie macht sich auch zur deutenden Herrin über die Zeit, über die Abfolge des Vorher, Jetzt und Nachher, die einem Leben Zusammenhang geben und die Hoffnung auf einen anderen Fortgang. Damit wird sie die Autorin eines Lebens, das von Wissenschaft zwar durchdrungen und nivelliert ist und doch unverwechselbar bleibt.

 

Denn sie lässt sich bei ihrer Suche von Freuds Hinweis in den Studien über Hysterie begleiten: "Es berührt mich selbst noch eigentümlich, dass die Krankengeschichten, die ich schreibe, wie Novellen zu lesen sind und dass sie sozusagen des ernsten Gepräges der Wissenschaftlichkeit entbehren." Freud war es unangenehm, neurologische Beweise für seine Theorie vom mehrschichtigen, konflikthaften Ich schuldig zu bleiben. Doch dass die Geschichte eines Menschen die Bedeutung einer Krankheit erhellt und dass man sie durch Erzählung "so wahr wie möglich" machen kann (Paul Ricœur) – dies stand für Freud fest, und daran hält Siri Hustvedt unter den Bedingungen der Perspektivenvielfalt einander relativierender Wissenschaften, die den Menschen arbeitsteilig verwalten, umso entschiedener fest. Die Schriftstellerin hält Schreibkurse in der Psychiatrie ab und hat dort mit den Patienten die Erfahrung gemacht, dass die eigene Geschichte Sprache braucht, um zur eigenen erst zu werden.

Warum diese Frau zittert? Weil sie eine zitternde Frau ist. So ist also eine Art Novelle entstanden, in deren Zentrum eine seltsame, unerhörte Begebenheit steht und in der die Skepsis die Hauptperson ist. Die intellektuelle Demut und die Wissbegier sind ihre Schwestern.