An Heilung war bei diesem Kranken kaum zu denken, das war den Ärzten an der Berliner Charité klar. Der Mann litt am schwarzen Hautkrebs, in seinem Körper wucherten Hunderte Metastasen des malignen Melanoms, einige sogar im Gehirn.

Obwohl er seinem Leiden bald erlag, dürfte der Patient in die Annalen der Heilkunde eingehen: als erster Proband einer neuen Tumormedizin. Sie soll den Krebs mit bisher unerreichter Präzision diagnostizieren und bekämpfen. Das Versprechen ist gewaltig: deutlich mehr Wirkung, viel weniger Nebenwirkungen.

Das Vorhaben erfordert einen immensen Aufwand: Noch nie wurde ein Krebspatient so aufwendig und umfassend untersucht. Das Erbgut des Mannes und das pathologische Genom seiner Krebszellen wurden vollständig entziffert, alle Gendefekte samt deren Fehlfunktionen aufgespürt. Allein die Diagnostik verschlang 100.000 Euro.

Trotz des fehlenden Therapieerfolges gilt das Vorgehen der Ärzte in Fachkreisen als zukunftsweisend. Der Verstorbene und fünf weitere Schwerkranke sind die ersten Probanden im Treat1000-Projekt des Berliner Krebszentrums CCCC (Charité Comprehensive Cancer Center) und des Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik : Ärzte und Wissenschaftler wollen die neuesten Erkenntnisse der Krebsgenetik zum Wohl der Kranken umsetzen – 1000 Patienten absolvieren dabei den Testlauf für eine umfassende Kehrtwende in der Krebsheilkunde.

Krebs entsteht durch viele Gendefekte, jeder Tumor ist anders

Die neue Strategie folgt dem Motto: "Kenne den Feind". Die bösartigen Geschwüre können in praktisch allen Geweben und Organen des Körpers entstehen. Bei der Klassifikation von Tumoren und der Therapieentscheidung mussten die Ärzte sich bislang weitgehend auf den Augenschein und ihre Erfahrung verlassen: Welche Krebsart bei einem Patienten vorliegt und wie fortgeschritten die Erkrankung ist, entscheiden Pathologen anhand des mikroskopischen Bildes der Tumorzellen und zellbiologischer Untersuchungen. Die Diagnostik, ergänzt durch die immensen Erfahrungen der Tumormediziner, hat bisher zu der Einteilung in rund 230 bekannte Tumorarten geführt.

Doch die Außenansicht der entarteten Wucherungen sagt wenig über ihre inneren Ursachen. Krebs ist eine Krankheit der Gene. (Klicken Sie hier für eine Infografik, die eine Auswahl wichtiger Krebsgene zeigt)   Mannigfache Veränderungen (Mutationen) in einer Vielzahl von Erbanlagen können sie auslösen. Viele der klinisch scheinbar klar definierten Krebsarten dürften in Wahrheit durch unterschiedliche Gendefekte hervorgerufen werden. Sie umfassen also tatsächlich ganz verschiedene Erkrankungen und müssten entsprechend unterschiedlich therapiert werden.

Künftig, so die Vision der Experten, habe daher vor jeder Therapie eines Patienten eine detaillierte Genomanalyse seiner Krebszellen zu stehen. Die Behandlung soll sich dann nicht mehr nach dem befallenen Organ und dem Stadium des Krebses richten, sondern in erster Linie nach der Art der Gendefekte, die den Tumor antreiben. "Eine faszinierende neue Strategie", urteilt der Kölner Klinikchef Michael Hallek , "es ist der einzige Weg, Therapien rational zu kombinieren – das wird funktionieren." In der Praxis indessen müsste die Onkologie dafür in den kommenden Jahrzehnten gleichsam vom Kopf auf die Füße gestellt werden. "Es wäre eine Revolution", sagt Reinhold Schäfer, stellvertretender Direktor für Translationale Krebsforschung am Berliner CCCC.

Gründe für den Kurswechsel gibt es genug. Die Medizin tritt an allen Fronten der Tumorbekämpfung weitgehend auf der Stelle: Mit der Krebsverhütung durch einen gesunden Lebensstil ließe sich noch am meisten gewinnen. Wären die Deutschen ein Volk von austrainierten, schlanken Nichtrauchern, bliebe jeder zweite Patient gesund. "Jeder weiß es, keiner tut es", seufzt der CCCC-Direktor Peter Michael Schlag. Trotz sinkender Raucherzahlen durchkreuzen grassierende Fettleibigkeit und konsequente Bewegungsvermeidung die Hoffnungen der Mediziner auf durchgreifende Besserung der Gesamtlage. In der "Ära von Fettsucht und Trägheit", warnte das Journal of the American Medical Association soeben, drohe die Lebenserwartung der Menschen wieder zu sinken.