Gute Aussichten versprach das New England Journal of Medicine vergangene Woche den Multiple-Sklerose-Kranken. Ihnen öffne sich "ein neuer Horizont". Das Fachblatt hatte gleich drei große Studien veröffentlicht, in denen zwei neue Medikamente an Tausenden Patienten getestet worden waren – und die Resultate geben tatsächlich Anlass zu Optimismus. Beide neuen Wirkstoffe erwiesen sich als überaus effektiv. Allerdings wurden sie bisher nur im Anfangsstadium des Nervenleidens getestet.

An der unheilbaren Autoimmunkrankheit Multiple Sklerose (kurz: MS) leiden allein in Deutschland mehr als 120.000 Menschen. Die eigentlichen Ursachen der Erkrankung sind unbekannt, sie ist schwer zu diagnostizieren und ihr Verlauf nicht vorhersehbar. Die Immunverteidigung der Patienten richtet ihre Angriffe gegen die Hüllen der eigenen Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark und entzündet gleichsam einen Kabelbrand der Neurone.

Meist beginnt die Erkrankung mit Entzündungsschüben (relapsing-remitting MS), die vorübergehende Taubheitsgefühle, Fehlempfindungen, Sehstörungen und weitere Symptome auslösen. Oft nimmt das Leiden später einen chronischen Verlauf, der dann dauerhafte Behinderungen verursacht.

Die beiden neuen Wirkstoffe, Fingolimod von Novartis und Cladribine (eigentlich ein Leukämie-Medikament) von Merck Serono , konnten die Schubhäufigkeit bei den Patienten um mehr als die Hälfte reduzieren. Getestet wurde dabei gegen ein Scheinmedikament. Das Novartis-Präparat erwies sich auch im Vergleich mit der Standardbehandlung durch Interferon-beta als erheblich wirkungsvoller.

Fingolimod verhindert, dass Immunzellen aus den Lymphknoten in die Gefäße einwandern und so ins Zentralnervensystem gelangen. Cladribine hingegen verschiebt die Balance zwischen entzündungfördernden und -hemmenden Immunzellen, um die schädlichen Attacken gegen die Nervenhüllen zu stoppen.

Nach Jahrzehnten des Stillstands scheint damit endlich ein Fortschritt in der Behandlung der Multiplen Sklerose möglich zu sein. Zudem sind die neuen Wirkstoffe als Tabletten einnehmbar, während das klassische MS-Medikament Interferon gespritzt werden muss – für die Patienten eine erhebliche Erleichterung.