Unlängst hat man bei ihr eingebrochen. Gestohlen wurde nichts – außer einem Preis, den sie für ihre Antimafia-Berichterstattung erhalten hat. Der Einbruch ist eine Botschaft: Wir könnten, wenn wir nur wollten. In der Eigentümerversammlung sorgte sich ein Hausbewohner über eine etwaige Wertminderung der Wohnungen wegen der von der Mafia bedrohten Nachbarin.

"Ein von der Mafia bedrohter Journalist ist vor allem eines: allein." Sagt Alberto Spampinato, Gründer des Nationalen Observatoriums für verheimlichte Nachrichten und bedrohte Journalisten. Spampinato ist Redakteur der Nachrichtenagentur Ansa – und ein Bruder des 1972 von der Mafia ermordeten Journalisten Giovanni Spampinato. In den letzten 30 Jahren ermordete die Mafia in Italien 13 Journalisten.

Die Ersten, die einem von der Mafia bedrohten Reporter in den Rücken fielen, seien dessen Kollegen, sagt Alberto Spampinato. Stets sei jemand zur Stelle, der beweisen möchte, dass der Journalist fehlerhaft über die Mafia schreibe. Immer rede einer die Folgen der Bedrohung klein und rechne sie auf gegen den Vorteil, bekannt zu werden. "Unvorsichtig" sei der Kollege gewesen, nur aus Eitelkeit habe er jenen stillschweigenden Pakt verletzt, der darin bestehe, bestimmte Nachrichten zu unterdrücken. Vor allem in Süditalien sind immer noch unzählige Zeitungen bereit, sich als Sprachrohr der Bosse zu betätigen.

"Jeder, der über die Mafia schreibt, tut das auf eigene Gefahr", sagt Alberto Spampinato. In den letzten drei Jahren wurden mehr als zweihundert Journalisten in Italien von der Mafia bedroht – nicht nur mit Brandsätzen und unverhüllten Morddrohungen, sondern auch ganz legal: mit Verleumdungsklagen und astronomischen Schadensersatzforderungen, die Journalisten einschüchtern sollen. Oder wie es der Politikwissenschaftler Claudio Riolo nennt: "Einen treffen, um Hunderte zu erziehen."

Riolo blickt auf eine kafkaeske, 15 Jahre währende Prozessgeschichte zurück. 1994 schrieb er für eine Antimafia-Zeitschrift einen Artikel über den Strafverteidiger Francesco Musotto, damals Präsident der Provinz Palermo. Der hatte es fertiggebracht, im Prozess gegen die Attentäter von Staatsanwalt Giovanni Falcone gleichzeitig als Opfer und als Verteidiger aufzutreten: Einerseits vertrat Musotto die Provinz Palermo als Geschädigte, andererseits verteidigte er einen der angeklagten Mafiabosse. Der eigentümliche Fall von Anwalt Musotto und Mister Hyde hieß Riolos Artikel. Fünf Monate nach dessen Erscheinen strengte Musotto eine Verleumdungsklage an und forderte 350.000 Euro Entschädigung. Sechs Jahre dauerte der Prozess in der ersten Instanz – am Ende wurde der Politikwissenschaftler Riolo schuldig gesprochen und zu einer Zahlung von 70.000 Euro verurteilt. Anders als bei Strafprozessen ist das Urteil eines Zivilprozesses sofort gültig: Das Gericht verfügte, ein Fünftel des Gehalts des Politikwissenschaftlers zu pfänden – eine Pfändung, die auch für seine in einigen Jahren einsetzende Pension gilt.

In den beiden folgenden Instanzen wurde das Urteil bestätigt; am Ende des zwölf Jahre dauernden Verfahrens wurde Riolo auch vom Kassationsgericht für schuldig befunden. Doch dann geschah, was in Italien noch nie geschehen war: Riolo legte beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Berufung ein – und gewann. Im Prozess "Riolo gegen Italien" wurde der Staat für schuldig befunden, die Meinungsfreiheit nicht geschützt zu haben. Der Artikel über den Mafiaanwalt sei keine Verleumdung gewesen, sondern eine mit Fakten belegte, für demokratische Staaten zulässige Meinungsäußerung. Im Oktober vergangenen Jahres wurde Italien zur Zahlung einer Entschädigung von 72.000 Euro verurteilt. Da das europäische Urteil das italienische nicht außer Kraft setzt, sondern nur ergänzt, trägt nun der italienische Staat die Kosten für die vermeintliche Verleumdung des Mafiaanwalts. Ironie der Justiz. Eines aber haben selbst italienische Mafiajournalisten noch nicht gesehen: geschwärzte Seiten in einem Mafiabuch. Deshalb berichteten die italienischen Medien auch ausgiebig darüber, dass mein Buch Mafia. Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern in Deutschland nur zensiert erscheinen darf. Dem Erfurter Gastronomen Spartaco Pitanti und dem Duisburger Hotelier Antonio Pelle ist es mit einer einstweiligen Verfügung gelungen, die sie betreffenden Passagen schwärzen zu lassen. 

"Die Autorin nennt Namen, die bestens bekannt sind, da sie nicht nur in den Ermittlungsunterlagen sowohl der deutschen als auch der italienischen Polizei auftauchen, sondern auch in Justizakten und in zahlreichen journalistischen Berichten. Wenn wir von verdächtigen Personen nicht mehr sprechen dürfen, soll das Volk das Problem wohl weiterhin ignorieren, soll das Gemetzel von Duisburg als Zwischenfall der Geschichte durchgehen, von dem man sich schnell erholt, um sich wieder oberflächlichem Gerede und unwesentlichen Problemen zu widmen. Hoffen wir, dass es kein bitteres Erwachen gibt." Das schrieb der nationale Antimafia-Staatsanwalt Vincenzo Macrì in dem Vorwort zu meinem Buch. Es ist inzwischen auch in Italien erschienen, unter dem Titel Santa Mafia, "Heilige Mafia". Einer der ersten Leser war Marcello Dell’Utri, der als "Gehilfe der Mafia" in erster Instanz zu neun Jahren Haft verurteilte Senator, Gründer von Forza Italia und rechte Hand des italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi. Umgehend kündigte er eine Klage gegen mein Buch an.

Kurz nachdem mein Buch in Deutschland geschwärzt wurde, veröffentlichte Jürgen Roth sein Buch Mafialand Deutschland . Kaum erschienen, wurde auch in seinem Fall einer einstweiligen Verfügung stattgegeben: Der in Leipzig tätige Kellner Pasquale Serio setzte vor dem Landgericht Leipzig die Schwärzung der ihn betreffenden Passagen durch. Und im November dieses Jahres versuchte Domenico Giorgi, ein in Erfurt tätiger Gastronom und Geschäftsfreund meines Klägers Spartaco Pitanti, ebenfalls eine Unterlassungserklärung gegen Roths Buch zu erreichen. Allerdings vergeblich. Das Leipziger Gericht wies das Ansinnen ab.