Es wird ein erhebendes, erhabenes, mindestens hohes Glück bereitendes Gefühl gewesen sein, das der malende Mystiker Otto Modersohn empfunden haben muss bei seinen täglichen Spaziergängen durch und um das Dorf Fischerhude, 20 Kilometer östlich von Bremen. Wenn das Wort malerisch überhaupt einen Sinn ergibt, dann – über sein Klischee hinaus – in dieser hinreißend unbeschleunigten Ortschaft in den Wiesengründen der Wümme. Natürlich leuchtet die Sonne aus ad hoc kumuliertem Gewölk in die von Armen und Ärmchen durchzogenen Auen herab, ein Schimmel galoppiert durchs freie Gehege mit samtzartem, hellgrünem Gras, und im Wasser spiegeln sich die Kronen der Eichen: Das natürliche Dekor von Fischerhude an einem gewöhnlichen Wintersonntag ist die Kulisse für einen Märchen- oder Fantasyfilm, der die bukolischen Sehnsüchte des Städters mit verspielter Nonchalance erfüllt.

Im Sommer 1896, mit 31 Jahren, wanderte der gebürtige Westfale Modersohn mit seinem Malerfreund Fritz Overbeck von Worpswede und der ihm dort gegründeten Künstlerkolonie zum ersten Mal in ebendieses vom Geist der Zeit unbeleckte, immer wieder von Überschwemmungen geflutete Dorf Fischerhude, wo die meisten Häuser aus Fachwerk mit Klinkerstein bestanden und die Aalfischer und Heubauern ihr Gut auf Booten transportierten. 1908, ein Jahr nach dem Tod seiner zweiten Frau, der Malerin Paula Becker, zog der bereits hinreichend berühmte Modersohn, der vor der Düsseldorfer Akademie und allen Genres geflohen war, dann endgültig in die mystisch umflorte Einsamkeit von Fischerhude und lebte und malte, die letzten sieben Jahre auf einem Auge erblindet, bis zu seinem Tod 1943 am Rand des Dorfs in der Moorheide.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Modersohn, so schildert ihn heute seine Nichte, war ein introvertierter, harmoniesüchtiger, großzügiger, selbstkritischer, vor allem obsessiv arbeitender Mensch, der nach der kosmischen Einheit von Mensch und Natur strebte. Die mystische Gestimmtheit seiner Seele schattiert auch den Grundton seiner Gemälde: Nebelabend mit Mond, sonniger Mittag, Felder mit Störchen, Kühen, Pferden, ein Sommertag im Moor, die Stege und Schleusen über der Wümme, und wieder und wieder diese Wiesen, die vis-à-vis jenem Hof im Ortsteil Bredenau beginnen, wo, um sechs Eichen herum, die Modersohnsche Familie um Ottos Sohn, den jüngst verstorbenen Maler Christian Modersohn, wohnt und arbeitet. Es ist ja stets ein Glück, wenn die Angehörigen, unterstützt von einer gemeinnützigen Gesellschaft, das Erbe eines Künstlers mit halbjährlich wechselnden Ausstellungen in einem Museum verwalten und gestalten können, liebevolle Zuwendung und tiefer Ernst sind garantiert, so auch bei der just eröffneten Schau Die Eingliederung des Einzelnen in das Ganze, die Modersohns Fischerhuder Schaffensperiode zwischen 1916 und 1925 beleuchtet.

Menschen sind in den über 100 kleinformatigen Holztafeln und größerformatigen Leinwandbildern höchstens Staffage, und mehr als schemenhafte im Fluss badende Kinder oder arbeitende Bäuerinnen sind nicht zu finden. Für Modersohn kam stets zuerst der Baum, dann die Blume, dann der Mensch. Malend holte er den Himmel ins Wasser hinab, löste den Raum auf, lotete die Tiefe des Natürlichen aus, verschob dabei die Perspektiven und war so, bei allem Verzicht auf effekthascherische Malerei, ganz der treue Schüler seines großen Vorbilds Cézanne.

Seit 1974 dienen drei umgebaute Fachwerkscheunen mit Spruchbalken am Ende des Dorfs zur Ausstellung des Modersohnschen Œuvres, das geschätzt 6000 Gemälde umfasst. Der Boden ist mit terrakottafarbenen provenzalischen Ziegelfliesen gedeckt, die Wände unter dunkelbraunen Fachwerkbalken sind hellweiß, und die indirekte Beleuchtung lotet schön die Stimmungstiefe der manchmal raunenden, manchmal heiter-melancholischen Bilder aus, die bis zum heutigen Tag mit der Schönheit der Stille oder der Stille der Schönheit einer unbehandelten und wertgeschätzten Natur des altertümelnden Fischerhude korrespondieren. Das von Zeitgeist und Kommerz noch weitgehend in Ruhe gelassene Dorf der Bauern und Künstler, das, wie Modersohn vermerkte, "in der traurigsten Gegend der Welt" liegt, ist selbst das Museum einer romantisch verklärbaren Epoche, durch das niemand besser führt als der mystische Maler und seine Stimmungsbilder.

Nähere Informationen: Otto-Modersohn-Museum, Fischerhude