Runde Geburtstage sind stets ein guter Anlass, sich das Leben der zu ehrenden Person vor Augen zu führen. So möchte ich es auch anlässlich des heutigen 80. Geburtstages von Kurt Biedenkopf halten. Wann genau ich ihn das erste Mal traf, das weiß ich nicht mehr zu erinnern. Wohl aber weiß ich, dass ich ihn während der sozialliberalen Koalition nur flüchtig kennengelernt habe. Deshalb konnte ich mir in jenen Jahren kein Urteil erlauben. Ich hatte gehört, dass einige seiner Parteifreunde ihn für einen brillanten intellektuellen Kopf hielten, während andere befanden, er sei für die praktische Arbeit nicht stetig genug – denen hat er dann als sächsischer Ministerpräsident das Gegenteil bewiesen.

Nach dem Ende der sozialliberalen Koalition habe ich Kurt Biedenkopf sehr viel besser kennen- und schätzen gelernt und habe seither seinen Lebensweg mit großer Aufmerksamkeit und mit Interesse verfolgt. Deshalb war mir sehr daran gelegen, ihn für die Mitarbeit in der Deutschen Nationalstiftung zu gewinnen, die wir 1993 gegründet haben. Seit vielen Jahren hat Biedenkopf nun schon dort mitgearbeitet, bis jetzt als Vorsitzender des Senats. Er hat vielerlei Anregungen für die Arbeit der Stiftung geliefert, die ohne seine Analysen und seine Anregungen nicht so erfolgreich gewesen wäre.

Biedenkopfs Weg hatte ihn zunächst in die Wissenschaft geführt. Er war schon mit 34 Jahren Professor für Handels-, Wirtschafts- und Arbeitsrecht an der Ruhr-Universität Bochum. Nach einer sich anschließenden zweijährigen Tätigkeit in der Industrie führte sein Weg ihn in die Politik. Parallel dazu sammelte Biedenkopf, seit 1965 CDU-Mitglied, in der Mitbestimmungskommission seiner Partei erste politische Erfahrungen. 1973 wurde Biedenkopf dann auf Vorschlag von Helmut Kohl Generalsekretär der CDU. Schnell stellte sich heraus, dass er analytisch begabt und offener als manch andere Politiker war, was zum Teil auf seine Studienjahre in den USA und die dort gewonnene Erfahrung zurückzuführen ist. 1976 wurde Biedenkopf wirtschaftspolitischer Sprecher der Union und verzichtete im folgenden Jahr auf die abermalige Kandidatur als Generalsekretär – dem Verzicht gingen Differenzen mit Kohl voraus.

1980 wechselte Biedenkopf von der Bundes- in die Landespolitik und wurde Spitzenkandidat der CDU in Nordrhein-Westfalen. Nach Differenzen mit seiner Partei und deren Führung legte Biedenkopf 1988 sein Mandat im Düsseldorfer Landtag nieder und verließ die Politik. Der gelernte Jurist und Hochschulprofessor beschloss, als Rechtsanwalt zu arbeiten.

Biedenkopf hat bereits in den siebziger Jahren begonnen, sich mit Fragen nach Wegen aus der Arbeitslosigkeit und nach der Zukunft der Sozialsysteme zu beschäftigen. Schon 1981 legte Biedenkopf, damals wissenschaftlicher Leiter des von ihm 1977 gegründeten Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, gemeinsam mit dem Direktor des Instituts, Meinhard Miegel, ein Modell zur Reform des Rentensystems vor. Leider fand er dafür nicht die nötige Aufmerksamkeit. Spätestens in den achtziger Jahren hätte die politische Klasse aufmerksam zuhören müssen. Leider hat sie es nicht getan – weil wegen der Zuwanderung nach Deutschland das Schrumpfen der deutschen Bevölkerung und ihre Überalterung verdeckt blieben.

Als Landesvater hat er den Sachsen Mut und Zuversicht gegeben

Mittlerweile weist Kurt Biedenkopf schon seit mehr als drei Jahrzehnten darauf hin, dass die in Deutschland vorhandenen Sozialsysteme so nicht weitergeführt werden können – was übrigens auch für etliche andere Länder in Europa gilt. Er wurde, trotz mangelnder öffentlicher Aufmerksamkeit für den Sachverhalt, nie müde, über die sich daraus ergebenden Probleme der Zukunft zu reden. Eine seiner wichtigsten Aufgaben sah und sieht er darin, zur Neuordnung der Sozialsysteme, der Umgestaltung der föderalen Finanzordnung, der Verwandlung der Industrie- in eine Wissensgesellschaft beizutragen.

Knapp zwei Jahre nachdem Biedenkopf seine Arbeit als Rechtsanwalt begonnen hatte, übernahm er 1990 eine Gastprofessur für Wirtschaftspolitik an der Leipziger Karl-Marx- Universität und hielt dort als erster westdeutscher Professor seine Antrittsvorlesung. Noch im selben Jahr kandidierte er dann für den sächsischen Landtag als Spitzenkandidat und wurde am 27. Oktober 1990 zum Ministerpräsidenten des Freistaates gewählt. 1991 übernahm er auch den Landesvorsitz der sächsischen CDU und wurde 1992 erneut in den Bundesvorstand seiner Partei gewählt. Biedenkopf gewann dreimal die absolute Mehrheit in Sachsen und trat 2002 als Ministerpräsident zurück.