Es stimmt schon: Der Celtic tiger ist als Bettvorleger gelandet, die Weltwirtschaftskrise hat das einstige europäische Musterland Irland beinahe in den Bankrott getrieben. Und jetzt auch noch diese Kinderschändergeschichten, als sei es Belgien! Bereits vier katholische Bischöfe mussten zurücktreten, weil ihre Kirche den Verbrechen der Priester tatenlos zusah oder sie gar vertuschte. Und doch wird die irische Hauptstadt auch im kommenden Jahrzehnt Literaturgeschichte schreiben.

Schlechte Zeiten sind eben gute Zeiten für die Literatur, das haben die Iren bewiesen über all die Jahrhunderte, in denen sie hungerten, in denen Staat, Kirche und englische Besatzer die Autoren gängelten und zensierten. Swift, Sterne, Wilde, Joyce, Flann O’Brian (den ich nur erwähne, damit sein Übersetzer Harry Rowohlt keinen Leserbrief schreibt) – alles Iren. Vier Literaturnobelpreisträger hat die kleine Nation hervorgebracht. Und viele Schriftsteller dort haben das Zeug dazu, diese einzigartige Tradition in kommenden Krisenzeiten fortzusetzen. Anne Enright (Booker Prize 2007), John Banville (Booker Prize 2005) und Colum McCann (National Book Award in den Vereinigten Staaten 2009) sind nur drei von ihnen.

Offenbar ist das meteorologische und geistige Klima des Landes dem Schreiben zuträglich – es wachsen Palmen, es regnet weniger als behauptet, und die Stadt Dublin vergibt den höchstdotierten Literaturpreis der englischsprachigen Welt. Und dann ist da noch so etwas Profanes wie die irische Steuergesetzgebung: Seit 1969, als der Dubliner Samuel Beckett den Nobelpreis gewann, zahlen Künstler, die auf der Insel leben, keine Steuern. Seither ist Irland für Autoren das, was Monaco für Formel-1-Fahrer ist; Christoph Ransmayr und Michel Houellebecq sind nur zwei prominente Autoren, die einen Boxenstopp auf der Insel eingelegt haben. Gerade hat die Regierung noch einmal bekräftigt, dieses Steuerprivileg auch der großen Krise nicht zu opfern. Deshalb werden gute Autoren in Dublin so zahlreich sein wie Steuerflüchtlinge in Monte Carlo.