Langweilig, heißt es, sei Hannover, und insoweit dies zutrifft, ist das durchaus eine zukunftsweisende Qualität. Die Zeit wird kommen, da der Eventcharakter und das Marketinggebrüll einer Stadt als Mittel der Touristenwerbung ausgeschöpft sind – dann wird es um feinere Reize gehen, dann wird die Stunde Hannovers schlagen.

Hannover hat keine Eile, dafür die Eilenriede, den größten Stadtwald Europas. Der beginnt nicht gleich am Hauptbahnhof, sondern ein paar Straßen weiter, aber gerade diese Unentschiedenheit im Besonderen, der Verzicht aufs letzte Extrem, ist raffiniert und charmant. Urwüchsige Laubbäume trotzen hier dem Lauf der Zeit; vielleicht stehen sie aber auch nur herum. Rehe, Füchse, Marder und Hasen sagen dem Besucher guten Tag. Das hat was.

Oder der hinterm Rathaus zum Flanieren einladende Maschsee, ein Prachtstück virtueller Realität, denn nur zwei Meter ist sein stilles Wasser tief. Tausend Männer hoben ihn in den dreißiger Jahren aus, teils mit Eimer und Schaufel. Solche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gab es damals überall, anderswo hinterließen sie bloß Autobahn. Hannover hingegen hat schon im Gestern einen Sinn fürs Morgen bewiesen.

Wer in den Maschsee stürzt, muss nicht ertrinken. Zur Not klammert man sich an einen der dicken Fische, die ihn bewohnen. Ein See, der kein See ist, in einer Stadt, in der Land ist, und zu Weihnachten gibt es Karpfen aus heimischer Zucht. Toll!

Hannovers höchste Erhebung ist übrigens der Lindener Berg, mit 35 Metern eine der niedrigsten höchsten Erhebungen in Städten überhaupt. Das ist ein ortstypischer Superlativ, für den der Gast sich rasch begeistert. So zeigt Hannover in allem einen Hang zum mittleren Maß. Und was hat Zukunft, wenn nicht die Mitte?