Wenn Fliegen Freiheit ist, dann ist Ryan Bingham ein sehr freier Mensch. Man könnte ihn aber auch für zwangsneurotisch halten. Der Zwang, allen Zwängen zu entfliehen, hat ihn fest im Griff. Seine Horrorvorstellung ist es, mehr als vierzig Tage im Jahr in seiner Wohnung verbringen zu müssen. Nur unterwegs fühlt er sich zu Hause. Dabei ist er kein anarchischer Globetrotter, der sich dem bürgerlichen Leistungsethos verweigert, sondern die Verkörperung des flexiblen und globalen Kapitalismus. Alles Ständische und Stehende verdampfe in der Dynamik des kapitalistischen Wirtschaftens, hatte schon Karl Marx beobachtet. Jason Reitmans Komödie Up in the Air erzählt genau davon: was vom Leben übrig bleibt, wenn man alle Bindungen auflöst und alles "Ständische und Stehende" verdampfen lässt. Und Reitman hat dafür ein zwingendes Bild gefunden: Fliegen ist nämlich nicht nur eine Fortbewegungsart, sondern eine Lebensform. Selten war Ideologiekritik komischer und treffender.

Ryan Bingham ist ein frequent flyer, jene zeitgemäße Physiognomie, deren Silhouette aus Anzug und Trolley und Flughafenlaufband besteht und die ständig in ihr Handy spricht: "Sorry, ich muss jetzt auf meinen Flieger." Binghams Lebenssinn: Meilen sammeln. Sein Ehrgeiz ist es, der siebte Mensch zu werden, der die Zehn-Millionen-Meilen-Grenze knackt (dann würde er zum Ehrenpassagier der Fluglinie avancieren und dürfte unbegrenzt Gepäck mitnehmen). George Clooney spielt diesen Ryan Bingham, und wer den Hollywoodstar bisher geliebt hat, muss ihn jetzt auch bewundern: Clooney setzt seinen vollen Charme ein, aber zugleich seine Intelligenz, weshalb er die psychologisch präzise Darstellung seiner Figur nie aus den Augen verliert.

Bingham, der Bindungsfeind, hat den passenden Job: Er übernimmt für Firmen die Aufgabe, Mitarbeitern ihre Entlassung mitzuteilen. Jedes Mal verpackt er diese Nachricht in Floskeln, die wie Fragmente des Amerikanischen Traums klingen und dem Gefeuerten vor Augen führen, dass dieser Tiefpunkt seines Lebens zu einem Moment der Wiedergeburt werden könnte. Das ist herrlich bösartig, und die Kamera zeigt in schnellem Schnitt unzählige verzweifelte Gesichter, die Clooney gegenübersitzen und an sein Mitgefühl appellieren. Dann kommt der Gegenschnitt in Clooneys ausgeschlafenes Gesicht, auf die Prise Mitgefühl in den Augenwinkeln. "Seien Sie ehrlich", sagt er dann etwa, "war dieser Job wirklich das, wovon Sie in Ihrer Jugend geträumt haben?" Während die Betroffenen ihn noch ungläubig anschauen ob dieser Dreistigkeit, ist er schon auf dem Weg zum Flughafen, zum nächsten Einsatzort.

Up in the Air ist als Komödie ebenso geistreich wie komisch. Großartig, wie Reitman den verzweifelten Stillstand der Entlassungsopfer mit der rasanten Choreografie der unbegrenzten Mobilität kontrastiert. Sowie Bingham einen Flughafen betritt, legt er ein Effizienzballett an den Tag: Jede seiner Bewegungen ist darauf abgestimmt, dem Verhaltensmodell eines Flughafens reibungslos zu entsprechen. Wie er beim Check-in seine Meilenkarte vorlegt, wie er das Laufband nimmt, vor der Sicherheitsschleuse mit elegantem Griff seine Loafer (muss man nicht schnüren!) auszieht, sein Sakko in den Korb faltet. Dazu hört man leitmotivisch die klackenden Geräusche, die entstehen, wenn man den Griff eines Rollkoffers herauszieht. Wenn Bingham im Hotel am Schalter für die Stammkunden eincheckt, dann weiß er, dass er in seinem Leben alles richtig gemacht hat. "We value your loyalty" steht auf dem Plakat seiner bevorzugten Fluglinie. Produkttreue ist aber auch die einzige Bindung, die Bingham erträgt.

Clooney lebt ein Leben mit hohem Kerosinverbrauch. Die stärkste Form von Nachhaltigkeit aber ist die Liebe. Und es nimmt dieser Komödie gar nichts, dass man von der ersten Minute an weiß, dass Bingham sein frei schwebendes Dasein nicht durchhalten wird. Dass auch er nur ein Mensch ist, der sich irgendwann verloren fühlen wird im kalten Kosmos der Lounges, Mietautos und Hotelzimmer. Dass auch er sich nach einem bisschen Bodenhaftung sehnen wird.

Vera Farmiga spielt Alex, das weibliche Pendant zu George Clooneys Bingham. Auch sie sammelt im Businessanzug Statusmeilen. Sex mit ihr ist eine Kombination aus Sinnlichkeit und Just-in-time-Effizienz. Die beiden gleichen ihre Kalender ab, um zu sehen, an welchem Verkehrsknotenpunkt sie sich das nächste Mal treffen werden. Als Bingham, der seine kleinbürgerliche Herkunftsfamilie möglichst auf Abstand hält, zur Hochzeit seiner Schwester nach Wisconsin muss, nimmt er, um nicht ohne Begleitung zu sein, Alex mit. Und plötzlich wird es ihm doch etwas nachhaltiger ums Herz.

Up in the Air ist Kapitalismuskritik als Screwball-Comedy. Jason Reitman braucht nicht mehr als die Requisiten der Geschäftsreise, um von jenem Leben zu erzählen, das sich hinter einem Gaga-Begriff wie "Statusmeilen" verbirgt.