Wer schläft, heißt es, sündigt nicht. Indes hält sich der Trost insofern in Grenzen, als der Schläfer auch nichts erlebt. Die eigentliche Frage lautet daher, wie man aufbleiben kann, ohne sich gleich die unerfreulichen Konsequenzen der Sünde einzuhandeln. Die historische Antwort darauf ist die Erfindung des Fernsehens. Man bleibt auf, bewegt sich aber nicht.

Aus dieser Erkenntnis folgt das Programm der kommenden Woche. Selten ballen sich so viele hochberühmte Kinofilme im Spätprogramm. Schon am Sonnabend sollte man um 21.40 Uhr mit Deliverance – Beim Sterben ist jeder der erste (Tele 5) beginnen. John Boormans Abenteuerfilm von 1971 über das Debakel einiger Großstadttouristen, denen sich die Wildnis in einen Albtraum verwandelt, ist ein Lehrstück darüber, was die Natur mit den Menschen anstellt – nämlich nichts Schönes.

Der Film geht bis 23.55 Uhr, erlaubt also noch, zum BR umzuschalten, wo zehn Minuten zuvor die aberwitzige Hollywood-Satire Schnappt Shorty angelaufen sein wird, in der John Travolta im Auftrag der Mafia einen verschuldeten Filmproduzenten jagen soll – dann aber lieber selber Filmstar werden will. Den Produzenten spielt Gene Hackman, der an diesem Tag übrigens achtzig wird, und das Ganze ist ein Lehrstück darüber, was das Kino mit dem Menschen anstellt – nämlich etwas sehr Lustiges, wenn auch Lächerliches. Um 1.55 Uhr erreicht man gerade noch rechtzeitig auf Kabel eins ein Lehrstück darüber, was der Krieg mit den Menschen… Nun, Die Brücke am Kwai ist ein viel zu berühmter Film, als dass wir ihn auf eine Pointe reduzieren sollten. Alec Guinness ist stets aufs Neue unvergesslich. Am Ende werden wir lange aufgeblieben sein und nur wenig gesündigt haben, nämlich insofern wir Roman Polanskis Ghetto-Film Der Pianist versäumten, der indes nicht zu seinen besten, nur zu seinen ergreifendsten Filmen gehört.

Ohne Gewissenskonflikte werden wir den Montag überstehen. Wenn wir im NDR um 23 Uhr Die Reifeprüfung mit Dustin Hoffman, Anne Bancroft und dem Alfa Spider in seiner besten Gastrolle gesehen haben, erreichen wir auf die Minute genau um 0.40 Uhr im MDR Orson Welles’ Othello, nach Macbeth die zweite Shakespeare-Verfilmung des besessenen Regisseurs, der hier auch in der Titelrolle zu sehen ist. Das alles wird, genügend Kaffee, Schnaps und Zigaretten vorausgesetzt, problemlos zu absolvieren sein, wenn einen nicht das James Bond- Angebot auf Kabel eins vom Pfad der Tugend lockt, wo hintereinander Sean Connery (Man lebt nur zweimal, 20.15 Uhr) und George Lazenby (Im Geheimdienst seiner Majestät, 22.35 Uhr) verglichen werden können.

Der Dienstag verlangt nur eine Charakteranstrengung: den glänzenden, fast kinoreifen Tatort Frau Bu lacht von Dominik Graf (BR, 21.45 Uhr) beiseitezuwischen, um sich auf den Science-Fiction-Film 12 Monkeys von Terry Gilliam zu werfen (Tele 5, 22.30 Uhr), der Bruce Willis auf einer verworrenen Zeitreise durch böse Orte taumeln lässt. Dann dürfen wir ausschlafen (im Büro bitte krankmelden), um uns am Mittwoch eine letzte cineastische Gewaltanstrengung zuzumuten: Kabel eins zeigt um 20.15 Uhr Martin Scorseses Gangs of New York, mit Leonardo DiCaprio, Cameron Diaz und Daniel Day-Lewis (in einer glitzernden Schurkenrolle), die alle zusammen beweisen, dass auch die Zivilisation nicht das Beste aus dem Menschen herausholt.