Im Edelweiß in Berlin-Kreuzberg gibt es sonst Jazz zu hören, elektronische Musik, an manchen Wochenenden finden Techno-Partys statt. Die "Partylounge" im Obergeschoss, ein schummriger Ort, wird an Hochzeitsgesellschaften und Geburtstagskinder gratis abgegeben, wenn 500 Euro Umsatz garantiert sind. Heute Abend kommt das Geld leicht zusammen. Der in Rotlicht getauchte Raum ist gestopft voll. Gut 120 aufgekratzte und erwartungsvolle Menschen sind gekommen, um den ersten Berliner Science Slam zu erleben.

Wissenschaftsschlacht heißt: Forscher treten mit Kurzvorträgen gegeneinander an. Zehn Minuten hat jeder Zeit, dem gemischten, im Zweifel nicht fachkundigen Publikum etwas über seine Arbeit mitzuteilen. Die einzige Erwartung: Die Vorträge dürfen nicht wie im wahren Leben sein – langweilig. Die Akteure müssen sich was trauen. Und genau das macht die Attraktivität solcher Veranstaltungen aus, die seit einigen Jahren in Deutschland immer populärer werden. Niemand weiß vorher, wie weit die Vortragenden gehen werden, um sich interessant zu machen. Schließlich geht es um Sieg oder Niederlage, hier und heute um den Titel "Der beste Slammer Berlins". Das Publikum entscheidet.

Carla Cederbaum, zart, kleiner Rock und großes Haar, beeindruckend präsent und ruhig, auch wenn die Installation des Laptops eine halbe Stunde dauert, macht den ungeliebten Anfang. Sie nennt sich Mathebotschafterin und hat ein Kinderbuch mit "mathematischen Zaubertricks" geschrieben. Heute will sie in zehn Minuten erklären, was Newtons Gravitationsgesetz und Einsteins Relativitätstheorie miteinander verbindet, wenn man Carl Friedrich Gauß berücksichtigt. Dazu präsentiert sie Äpfel und Bäume und auf einem Ball Dreiecke, deren Winkelsumme nicht 180 Grad beträgt. "Sendung mit der Maus", murrt einer im Publikum. Doch die meisten fühlen sich bestens unterhalten. Die Mathematik hat ihr sympathisches Gesicht gezeigt.

Die Erfindung des Vortragsformats Science Slam reklamiert die TU Darmstadt für sich; Braunschweig folgte, dann Hamburg, Kiel, Bayreuth. Die Idee wurzelt im Poetry Slam, einer Dichterschlacht, in der großartige und grottenschlechte Poeten triumphieren oder in einem Pfeifkonzert untergehen können.

Mit waghalsigen Titeln ihrer Vorträge buhlten die Teilnehmer um Aufmerksamkeit

Auch Wissenschaftskomödianten wie der ziemlich erfolgreiche Dr. Eckart von Hirschhausen (Glücksbringer) und sinnfreie, aber witzige Powerpoint-Präsentationswettbewerbe wie "Powerpoint-Karaoke" – das sind Stegreifvorträge zu unbekannten Folien – beschreiben diesen Trend: Ein Vortrag soll mehr sein als die Summe seiner wissenschaftlich relevanten Informationen. Lieber riskiert man ein paar Ungenauigkeiten oder Fehler und gewinnt dafür das Publikum, als korrekt, aber langweilig vorzutragen.

Schon mit dem Titel des Vortrags versuchen manche Slammer die Konkurrenz abzuhängen. "Warum Bohnen gut für dich sind und warum zur Hölle muss ich immer furzen, wenn ich die esse?", fragt Thilo Berg von der TU Berlin, der am Neuseeländer Riddet Institut die Ernährungsphysiologie der Bohnen erforscht hat. Ein relevantes Thema, gerade für Entwicklungsländer.

Zu Beginn – die Zuhörer sind noch frisch – doziert der jugendliche Blondschopf über den glykämischen Index und den Blutzuckerspiegel. Gelächter, als er sein "künstliches Verdauungssystem" vorstellt, einen doppelwandigen, beheizbaren Glaskolben. Dann verliert sich der Slammer in Interpretationen von Bildern, die mit einem Rasterelektronenmikroskop aufgenommen wurden. Damit hat er schon Wissenschaftlerkollegen beeindruckt – man ahnt, dass Bergs Beitrag die leicht modifizierte Fassung eines bereits gehaltenen Vortrags ist. Das überraschend wohlwollende Publikum, vom aufregenden Titel in die Falle gelockt, reagiert handzahm: mit Gähnen und aufgestütztem Kinn.

Natürlich sind es zumeist Studenten, die gekommen sind, ihresgleichen beim öffentlichen Reden zu erleben. Freundeskreise (und Claqueure?), aber auch solche, die selbst diese Bühne testen wollen, sich aber noch nicht ganz trauen. Wie die Chemikerin kurz vor dem Master, die schon den Titel ihres Vortrags weiß: "Desymmetrisierung von 1.4-Diinen mit Hilfe von chiralen Goldkatalysatoren". Vielversprechend! Ein Gasversorgungstechniker im Ruhestand ist angereist. Er hatte von dem Termin im Radio gehört und interessiert sich für Mathematik.

Die Überraschung des Abends: Eine Dame, die von der Bibel singt

Auch ihn mag die Überraschung des Abends umgehauen haben: Uri Hart, eine ältere Dame, unaufwendig zurechtgemacht, kurzes Haar, Lesebrille. Auf den ersten Blick verzagt wirkend, doch zur Hochform auflaufend mit dem bombastisch betitelten Vortrag: "Von einer Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe, einem keuschen dreiviertel-nackt tanzenden Mann, einem Moses Mendelssohn ohne Verstand und wie der Koran die Wahrheit fand: Die Akzente der Bibel und ihre Auslegung am Beispiel von Gen 39,8".
Uri Hart war eigentlich Briefträger (sie besteht auf der männlichen Form). Heute unterrichtet sie Hebräisch, studiert Judaistik und trägt nachts Zeitungen aus.

Sie singt und tanzt das Lied der Comedian Harmonists "In der Bar zum Krokodil". Darin geht es um die Frau eines gewissen Potifar ("die ungemein erfahren war, in allen Liebessachen"), die den biblischen Josef verführen will, aber zurückgewiesen wird.  Und dann folgt eine sehr komische und eindrucksvolle synoptische Betrachtung von Versionen dieser Bibelstelle, Liedtexten, Auszügen aus einer jüdischen Sportzeitung, Übersetzungen, die dem Text das erotische Potenzial austrieben, sowie die filigrane Untersuchung der entsprechenden Thorastelle. Auf Hebräisch, versteht sich.

Am Schluss sagt Frau Hart: "Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit" und verneigt sich. Bis vor wenigen Tagen wusste sie nicht mal, was Slam bedeutet. Uri Hart ist der Beleg dafür, dass Beifall nicht nur der witzige Slammer erhält. Doch ob es bei dieser Präsentationsform um Inhalte geht oder um die formvollendete Vorstellung eines Studienfachs, ob Klamauk und Selbstdarstellungstalent zählen oder es zählt, dass das Publikum klüger wird – solche Fragen kann einem der Organisator des ersten Berliner Science Slam auch nicht beantworten.

Gregor Büning hat überraschend wenig nachgedacht über sein Projekt, seine Herangehensweise ist von atemberaubender Kessheit: Nur einmal und zufällig hat er im Internet von dieser Veranstaltungsform gelesen, da beschloss er: Berlin hat so viele Unis. Berlin braucht so was auch. Ich mach das. Er verschickte Hunderte von E-Mails, fünf Leute waren bereit vorzutragen. Büning, halbtags Mitarbeiter in einem Abgeordnetenbüro und Geschäftsführer eines geplanten Unternehmens "policult – Politisches und Kulturelles Veranstaltungsmanagement", besorgte den Saal. Den Erfolg seiner Idee – viele Interessenten wurden wegen Überfüllung nach Hause geschickt – muss er noch verdauen. Für den nächsten Termin am 1. März hat er schon Bewerber. Eine möchte über Krebs und Religion vortragen.

Der Kreuzberger Abend hält noch einen zappeligen und aufgedrehten Mann bereit, der Papier so falten und falzen kann, dass ein kubisches Buch draus wird. Und eine Kulturwissenschaftlerin, die ausnahmsweise keine Powerpoint-Präsentation bietet. Dafür einen fantastisch unverdaulichen Exkurs über Kunst, Politik und Luhmann. Der beste Slammer Berlins wird am Ende nach Applausabstimmung eindeutig und umjubelt Uri Hart. Sie kriegt Blumen, 30 Euro und einen Alex aus Wachs.

Der nächste Berliner Science Slam findet am 11. Februar im Lido statt.

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