Als ich von der Sache hörte, musste ich sofort an ihn denken. Die Beschreibung passte: Ein Jesuitenpater aus Berlin, Sportlehrer, der später den Orden verlassen hatte. Doch der zweite Gedanke schob alle düsteren Ahnungen beiseite: Nicht er! Nicht dieser Mensch, der so wichtig war für uns Schüler der Hamburger Sankt-Ansgar-Schule. Den ich später sogar in Südamerika besuchte. Mit dem ich Dutzende Gottesdienste gefeiert hatte, durch die Armenviertel in Chile gezogen war. Heute weiß ich, dass es nicht allein Nächstenliebe war, die Wolfgang S. aus Deutschland weggetrieben hat.

Er kam 1979 an unsere Schule und gewann schnell den Respekt vieler Schüler. Weil er anders war als viele seiner Mitbrüder: weder so weich und salbungsvoll wie die einen noch so hart und unnachgiebig wie andere. Vieles machte ihn sympathisch. Dass er nicht mit den anderen Patres zusammenwohnte, sondern sich seine eigene Bleibe suchte, zeugte für uns Schüler von Unabhängigkeit. Dass er Marathon lief und Fußball spielen konnte. Und dass er politisch auf der richtigen Seite stand. Es ist schmerzhaft, zu akzeptieren, dass er diese Sympathie erbarmungslos gegen die einsetzte, die ihm am meisten vertrauten und die ihn am meisten bewunderten.

Dieses Aufschauen zu ihm war so ehrlich, wie es vielleicht nur Kinder für Erwachsene empfinden können: Wenn Wolfgang S. von den Unterdrückten in Chile oder dem Umsturz in Nicaragua berichtete und der befreienden Botschaft des Evangeliums, dann war das mehr als angelesener Unterrichtsstoff oder naive Schwärmerei. Er wusste, wovon er redete, denn er war da gewesen. Dass er nach relativ kurzer Zeit Hamburg verließ, um einen neuen Posten im Kolleg Sankt Blasien im Schwarzwald anzunehmen, wunderte mich nicht. Auch nicht, dass er auch dort nicht lange blieb. Jesuiten-Obere schicken nun einmal ihre Leute dorthin, wo sie meinen, dass sie gebraucht werden. Wie töricht wird sich nun manch ein Schüler von damals vorkommen. Wolfgang S. hat zugegeben, auch im Schwarzwald Schützlinge missbraucht zu haben.

Ich erinnere mich noch, wie er mich Anfang Februar 1988 vom Busbahnhof in Arica abholte, der nördlichsten Stadt Chiles. Er hatte eine Familie für mich gefunden, bei der ich wohnen konnte, und später Arbeit in einer Armenküche. Das Viertel, wo Wolfgang S. wirkte, lag am Rande der Stadt und hieß Once de Septiembre (11.September), benannt nach dem Tag, an dem die Militärs unter Führung Pinochets 1973 die Allende-Regierung gestürzt hatten.

Hier kannten ihn alle, den "Padre Wolfi". Wie seltsam diese Verniedlichung nun klingt. Auch hier hatte Wolfgang S. sich mit seiner Jugendarbeit Respekt und Vertrauen der Einheimischen verdient. Alles drehte sich ums Laufen. Durch die Trotamundos, die "Weltläufer", fanden viele Kinder und Jugendliche zum Sport. Wolfgang S. trainierte sie, veranstaltete Wettkämpfe. Für die Kinder und ihre Eltern waren das weit mehr als ein paar organisierte Rennen. S. gab ihnen das Gefühl, dass sie etwas wert waren. Er gab ihnen einen Stolz, den viele vorher nicht hatten. All das wofür? Ein ausgeklügeltes System, um in der Nähe seiner Beute zu sein, wenn sie am schutzlosesten war? Wie viele Kinder mussten in Chile unter seiner "Liebe" leiden?

Ich habe oft mit der Kirche gehadert. Wolfgang S. – sein Engagement, seine Haltung – gehörte zu den Gründen, nicht auszutreten. Bis zum Donnerstag vergangener Woche. Seitdem hat die Kirche einen Fürsprecher weniger. Verwirrt, beschämt, angeekelt akzeptiere ich die Wahrheit und fühle mich ebenso ein wenig missbraucht. Auch wenn da nichts war, das nur im Entferntesten an die Vorkommnisse in Berlin erinnert. Keine Worte, kein Blick, von allem anderen ganz zu schweigen. Aber vielleicht hatten ich und andere nur Glück.

Allein die Erinnerung daran scheint bitter, aber liberación war eines seiner großen Worte. Befreiung durch das Wort Gottes, durch den Dienst an den Armen, durch das Laufen. Dabei war er auf der Flucht. Er rannte davon: vor seinen Taten, seinen Dämonen. Ich frage mich, ob er sich darüber im Klaren ist, welche Wunden er bei seinen Schutzbefohlenen hinterließ, wie viele von ihnen er lebenslang in ein Gefängnis aus Angst, Scham und zerstörter Identität sperrte.

Das letzte Mal traf ich Wolfgang S. vor einiger Zeit zufällig auf dem Flughafen in Bonn. Der Bart war ab, er schien gelöst, nicht so wie früher, als er oft wie ein Getriebener wirkte. Er sprach von seinem Austritt aus dem Orden, von seiner Frau und seinem Kind in Chile. Und ich dachte bei mir, dass die katholische Kirche viel zum Seelenheil ihrer Angestellten beitragen könnte, würde sie ihnen ein Familienleben erlauben. Doch ist all das Schreckliche allein mit dem Zölibat erklärbarer? Er fragte nach Mitschülern, die ihm etwas bedeuteten. Wir tauschten E-Mail-Adressen aus und gingen auseinander mit dem Versprechen, dass wir etwas voneinander hören ließen.