Die Stadt Wittenberge, zwischen Berlin und Hamburg gelegen, erleidet, als werde sie von den beiden Metropolen zerrissen, seit der Wende einen unaufhaltsamen Bedeutungsverlust. Die Zahl der Einwohner ist von 30.000 auf 18.000 zurückgegangen, und die einzigen Zuzügler sind die Soziologen, die durch die leeren Straßen wandern und beobachten, wie man so lebt in der Stille.

Einmal, so erzählt der (ostdeutsche) Soziologe Wolfgang Engler, sei ein Stadtforscher mit der Kamera durch Wittenberge gezogen und habe die totesten Stellen der Stadt fotografiert. Und während er weiter ging, merkte er, dass er verfolgt wurde. Ein kleiner Zug von "Eingeborenen", so Engler, sei dem Mann auf den Fersen geblieben. Er konnte sie nicht abschütteln; sie griffen ihn nicht an, aber sie waren alarmiert; sie wollten sich, so Engler, nicht abfinden mit dem "beschämenden Gefühl, von anderen in der eigenen Misere beobachtet zu werden".

Wittenberge, die schrumpfende Stadt, als Ort der neuen Dramatik?

Aber genau das ist zum Wittenberger Schicksal geworden. Wer ein Fotoprojekt über schrumpfende Städte macht, geht nach Wittenberge, wer Filmkulissen braucht, findet sie dort – Christian Petzold drehte in Wittenberge Yella, den Schlussfilm seiner Gespenster-Trilogie, und die (westdeutschen) Soziologen, unter ihnen der berühmte Heinz Bude, sind schon lange dort, um den Zustand des "kommunikativen Beschweigens" (ein Begriff von Hermann Lübbe) zu erforschen, der diesen Ort der Niederlage beherrscht.

Nun sind auch noch Theaterleute angerückt, um das kommunikative Beschweigen zu beenden – vier Dramatiker (Fritz Kater, Thomas Freyer, Philipp Löhle und Juliane Kann) haben sich, beauftragt vom Berliner Maxim Gorki Theater, nach Wittenberge aufgemacht und überlegt, wie es wohl klingen würde, wenn die Wittenberger doch sprächen. Das Projekt heißt Über Leben im Umbruch; es dauert bis Juni.

Das erste Stück stammt von Thomas Freyer (geboren 1981 in Gera) und heißt Im Rücken die Stadt . Es handelt von der mühsamen Verständigung zwischen den Alten, die dageblieben sind, und den Jungen, die Wittenberge verlassen haben. Und es handelt vom Kampf zwischen den jungen Dagebliebenen, die sich Hoffnungen machen, und denen, die alle Hoffnung aufgegeben haben. Einer von denen, die keine Hoffnung mehr haben, spricht so: "Manchmal denk ich. Müsste man anzünden. Eigentlich. Das alles. Ist so ein Reißen. Im Kopf manchmal. Brennen müsste das. Im Rücken. Die ganze Stadt."

Sie alle reden nur das Nötigste. Es sind Helden des kollektiven Beschweigens, und was sie sagen, hat etwas Beleidigtes, Aufgestörtes, Fetzenhaftes, als sei jemand gekommen und habe es ihnen entrissen. In Thomas Freyers Stück reden die Jungen, die noch gar nichts erlebt haben, vorbei an den Alten, denen das, was sie erlebt haben, zu nichts zerfällt – weil nach der Wende das, was sie selbst für ein Leben gehalten hatten, als B-klassiger Ostkram, als ein großes Hingehaltenwerden klassifiziert wurde. Ich habe das Stück nur in einer szenischen Lesung erlebt, aber vielleicht wurde es gerade dadurch kenntlich: Die Regisseurin Nora Schlocker, die für ihre erkrankte Hauptdarstellerin einsprang, peitschte den Abend mit raschem Atem voran, sie wendete die Seiten, als spiele sie scharf eine Karte nach der anderen, und so machte sie kenntlich, dass in diesem Stück vom Warten und Ausrollen eine wahnsinnige Ungeduld steckt.

Jetzt sprechen die Wittenberger also – wenn auch fernab ihrer Stadt und nicht mit eigenen Stimmen. Welche Folgen hat ein solches Projekt wohl für die Betroffenen, die Beobachteten? Wolfgang Engler nennt in einem Podiumsgespräch vor der Lesung am Gorki-Theater den deutschen Osten ein "völlig überforschtes" Gebiet. Wer aber zu lang beobachtet wird, der weiß von seinen Beobachtern und ändert sein Verhalten. Er lebt seinen Forschern etwas vor. Wird also der Osten zum prophetischen Theater für den deutschen Westen?