"Damals, in meinen frühen Kindertagen", beginnt dieses Buch in fast biedermeierlicher Manier. Ein kleiner Junge sitzt Anfang der fünfziger Jahre auf der Fensterbank eines Kölner Wohnhauses, schaut auf den Platz davor. Darüber kreist ein Vogelschwarm, umreißt fast alles, was für ihn Welt ist. In "einer schmalen Straßenöffnung zwischen den hohen Häusern" auftauchend, wird bald der Vater von der Arbeit heimkehren, wird ihm zulächeln, doch als Erstes in der Wohnung nach der Mutter schauen: "Mutter liest."

Sie liest und schweigt. Nachdem sie in Krieg und Nachkriegszeit vier Söhne verloren hat, spricht sie kein Wort mehr, hat ihr einziges überlebendes Kind in ihr Schweigen hineingezogen. Was es zu sagen gibt, teilt sie ihrem Mann auf Zetteln mit.

Der 1951 geborene Hanns-Josef Ortheil erzählt seine eigene Geschichte. Schon früh entwickelt das stumme Kind ein Talent am Klavier, doch als ihm die Einweisung in eine Sonderschule droht, greift der Vater zu einem radikalen Mittel. Er entreißt seinen Sohn der fürsorglichen Symbiose. In der großelterlichen Hofwirtschaft lernt das blasse Stadtkind die Welt im Ganzen handfest zu begreifen. Vom Vater angeleitet, beginnt es diese Welt zur Sprache zu bringen. Bald füllt es ganze Kladden mit Bildern und Wörtern, bis es angesichts zweier kleiner Ballspieler endlich zu sprechen beginnt: "Gebt mal her!"

Noch wunderbarer mutet es an, wie es dem Sohn gelingt, auch die Mutter wieder zum Sprechen zu bringen, und wie sich die drei fern der Großstadt eine vom Vater konzipierte ländliche "Familienfantasie" schaffen. Diesmal ist es sein musikalisches Talent, das Ortheils Erzähler aus der trauten Dreieinigkeit reißt. Der Ausbildung in einem klösterlichen Musikinternat entflieht er, kehrt ins Elternhaus zurück, wagt nach dem Abitur den großen Absprung, der ihn nach Rom und seinem Traum von einer gefeierten Pianistenkarriere greifbar nahe bringt. Doch eine Sehnenscheidenentzündung zerstört diesen Lebensplan und damit auch seine erste Liebesbeziehung. Wieder droht die Erstarrung, und nun ist es sein ehemaliger Klavierlehrer, der ihm einen Ausweg zeigt. Aus den Kladden, mit denen er sich die Sprache erobert hat, sind inzwischen Hunderte geworden. Ist Schreiben also nicht seine eigentliche Berufung?

Mit Die Erfindung des Lebens hat Hanns-Josef Ortheil eine eindrucksvolle Künstler- und Entwicklungsgeschichte geschrieben. Seine Beschreibungen von Köln, der bukolisch anmutenden Provinz am Flüsschen Sieg und einem fast naturwüchsigen Katholizismus runden sich zu Momentaufnahmen und literarischen Stillleben der Nachkriegszeit, die sich tief ins Gedächtnis einprägen. Selten ist ein kommoder Kerker aus banger Fürsorge so eindrucksvoll beschrieben, ist von der Befreiung daraus so liebevoll erzählt worden. Doch wozu die Fiktionalisierung? Wozu ein fingierter Ich-Erzähler? Wohl als poetische Lizenz, vom eigenen Leben sub specie aeternitatis schreiben zu können, denn darauf läuft es am Ende hinaus.

Schon bevor dieser Johannes Catt in seiner Jugendgeschichte von seinem ersten Buch erzählt, hat er sich erst verhalten, dann immer ausführlicher als Erzähler des Romans zu Wort gemeldet. Zum Schreiben sei er noch einmal nach Rom gereist. Dort werden die losen Enden seiner Biografie sich zusammenschließen, werden seine Musikerfantasien für einen Moment wahr werden. So öffnet sich die Schere zwischen Biografie und Fiktion, und so grandios Ortheil sein Porträt des Künstlers als Kind gelingt, so vage erscheint sein Ich-Erzähler in der Gegenwartshandlung. Kaum etwas wird über die drei Jahrzehnte preisgegeben, in denen Catt als Schriftsteller gelebt hat. Ja man hat den Eindruck, ihm gehe es weniger ums Schreiben als darum, seine gescheiterte Musikerkarriere doch noch zu vollenden. Nur zu gern lässt er sich von seiner römischen Nachbarin Antonia das Geheimnis seiner Musikerausbildung entreißen und führt deren zwölfjährige Tochter Marietta zur Konzertreife, auch wenn dieser Auftritt nur auf dem Platz vor dem Wohnhaus stattfindet.

In anderer Konstellation wiederholt sich hier, was Jahrzehnte vorher zum ersten Riss im Verhältnis des Erzählers zu seiner Mutter geführt hatte. Doch hatte die ihrem gerade wieder zur Sprache gekommenen Sohn beim Klavierspielen die Schau gestohlen, so holt die zwölfjährige Marietta, nachdem ihr Applaus verklungen ist, ihren "lieben Lehrer" aufs Podium. Der spielt stundenlang, gibt sein "römisches Konzert also doch noch". Hat Marietta ihren "lieben Lehrer" am Ende besser verstanden, als er sich selbst versteht?