Seltsam, dieses Buch, das sich nicht fassen lassen will, vielleicht sollte man besser sagen: Ein seltenes Buch ist es. Um Vergangenheit geht es, keine Frage, aber nicht in ihrer rigorosen Chronologie, sondern um das Vergangene in seiner Lückenhaftigkeit, um das, was bleibt, was prägt, was schmerzt, oder das, was selbst als Verlorenes bis in die Gegenwart hinein glücklich stimmt. Erinnerungsbuch will es sein, aber in gar keinem Fall Lebensgeschichte. Mehr Meer hat die Schweizer Schriftstellerin und Lyrikerin, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin ihr Unternehmen getauft, bei dem die Grenzen zwischen Gegenwärtigem und Vergangenem fließend sind. Wenn man partout ein Etikett für dieses Unternehmen finden müsste, dann träfe der Begriff der poetischen Autobiografie wohl am ehesten zu. Denn Rakusas Erinnerungspassagen funktionieren wie Poesie, weil sie deren Bauprinzipien von Auslassung und Verdichtung folgen. So fängt sie das Lebens- oder Selbstbild, das sich der linearen Erzählung entzieht und der Alltagssprache sperrt, behutsam in Bildern aus Worten ein.

Ihre innere Kompassnadel, sagt Rakusa, zeige gen Osten. Kein Wunder. Die Nadel der Seele zeigt verlässlich in Richtung des Verlustes: 1946 wird sie in Rimaszombat (heute Rimavská Sobota) in der heutigen Slowakei als Tochter eines slowenischen Vaters und einer ungarischen Mutter geboren. Die Wurzeln der Familie reichen bis nach Litauen. Die ersten Lebensjahre verbringt sie in Budapest, Ljubljana und in der Nähe von Triest. Es ist, man ahnt es schnell, ein Leben aus dem Koffer. Das kleine Mädchen hat bereits drei Sprachen, aber kein eigenes Kinderzimmer. Die Sprachen werden deshalb ihr Refugium sein, in sie hinein wird sie sich flüchten.

© Droschl Verlag

Pünktlich zum sechsten Geburtstag steht wieder ein Umzug an. Dieses Mal geht es in die Schweiz, nach Zürich. Der Vater hat beschlossen, der Familie ein besseres Leben zu bieten, stabile Verhältnisse, ein Leben in der Demokratie. Aber das ist kein wirklich schönes Geburtstagsgeschenk für ein kleines Mädchen. Das Kind steht anfangs unter Schock. Weit weg sind plötzlich Triest, das Mittelmeer, die Siestastunden im verdunkelten Zimmer, die andächtige Stille der Hitze und das wohltuende Treiben, das darauf folgt, wenn sich gen Abend das Leben wieder laut über Corsi und Plätze ergießt. Nach der Wärme des Südens lernt die kleine Ilma den Schnee kennen, den Schnee und den Regen – und es wirkt, von außen, als habe man das Kind auf brutale Art gezwungen, vor seiner Zeit erwachsen zu werden: "Der Norden stellte mich auf mich selbst. Schlagartig begriff ich, was Vereinzelung ist. Und Kälte."

Das "Unterwegskind", wie sie sich selbst nennt, muss nicht nur die vielen Umzüge verkraften. In der frühen Züricher Zeit kommen zwei einschneidende Ereignisse hinzu: eine lange Krankheit des Bruders, der fast ein Jahr lang ans Bett gefesselt ist und die komplette Aufmerksamkeit und Zuneigung der Mutter auf sich zieht – und ein Rodelunfall, bei dem sich das Kind eine Schädelfissur zuzieht. Symbolischer hätte die Konfrontation mit dem Schnee nicht ausfallen können. Es folgen regelmäßige Migräneanfälle, bei denen jeder Reiz wehtut und niemand helfen kann. Nicht einmal die Mutter. Die wendet sich, gekränkt, von der Tochter ab und dem Bruder zu. "Das Kind hat das Zimmer, den Schmerz und die Einsamkeit." Es ist nicht der Kopf allein, der schmerzt.

Mehr Meer ist in Wahrheit die Geschichte einer Rettung. Rettung in die Sprache, Rettung durch Literatur. In den Büchern entdeckt das Kind die grenzenlose Freiheit der Fantasie, die Mühelosigkeit imaginärer Reisen und die immense und tröstende Innenwelt: "Ich lese, also bin ich."

Später werden die wirklichen Reisen folgen: Studienjahre in Leningrad und Paris, endlose Bahnfahrten auf den Spuren der Familiengeschichte, die sich wie ein Netz über den Osten Europas breiten. Begegnungen mit Dichtern wie Joseph Brodsky. Die erste Liebe, ihr Versprechen und ihr Verlust. Das ewige Dilemma zwischen Klavier und Literatur. Und schließlich der Rat, sich besser auf eine Sache zu konzentrieren. Es ist der Cellist Mstislaw Rostropowitsch, der ihr sagt: "Aus einem Fass mit einem einzigen Loch fließt ein kräftiger Strahl. Aus einem Fass mit vielen kleinen Löchern kommen lauter dünne Strahlen." Sie entscheidet sich für die Strahlkraft des Wortes.

Rakusas Buch ist weit mehr als das sensible Selbstporträt einer Dichterin. Ihre Lebenslinien sind auf historischen Bruchstellen angesiedelt. Deshalb ist es vor allem eine Lektion über das 20. Jahrhundert, in dem die Menschen oft wie Treibholz auf der Bugwelle der Geschichte schwimmen und irgendwo angespült werden.

Über Mehr Meer liegt ein Schleier von Fernweh und Wehmut, ein Gefühl, aus dem eigenen Leben emigrieren zu müssen. Insofern dürfte es zum schönsten Lohn für diese literarische Lebensreise gehören, dass dieses Buch mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde. Damit dürfte Rakusa endgültig angekommen sein, da ihre Stimme aus der Schweiz und der deutschsprachigen Literatur schlicht nicht mehr wegzudenken ist. Ein kleiner, später Trost, vielleicht, für die Zumutungen des Nordens.