Lieber wäre das Buch eine Picknickdecke, rot und weiß kariert – und also verwandelt es sich in eine Picknickdecke, auf den Seiten 10 und 11. Es verwandelt sich ein paar Seiten weiter in einen blauen Himmel, aus dem die Götter lässig herabwinken. Oder in ein Fenster, aus dem ein Junge krabbelt, die Augen aufgerissen. Halt, kein Fenster, ein Bilderrahmen ist’s. Ein gemalter Junge springt aus dem gemalten Rahmen. Im nächsten Moment wird er dem Buch entkommen, in unserem Leben landen.

Manche meinen ja, Bilder seien flach, seien stumm und erstarrt. Dabei scheidet oft nur eine bleistiftfeine Linie das Wirkliche vom Eingebildeten, und nicht selten durchdringen sich die Sphären so inniglich, dass man sie kaum mehr auseinanderhalten kann. Die Welt ist nicht die Welt, die wir sehen, davon erzählt dieses Buch, das kein Buch sein will. Es öffnet uns die Augen, indem es uns den Sehsinn verwirrt.

Und wie großartig ist die Verwirrung. Wie schön ist es, sich von der Kunst betrügen, täuschen, austricksen zu lassen. Wir blicken auf die Bilder der Maler und meinen, die Blumen riechen, die Trauben pflücken zu können. Schon die antiken Maler Zeuxis und Parrhasios buhlten darum, wer wirklicher als die Wirklichkeit malen könne, und waren stolz darauf, wenn jemand den Vorhang vor einem ihrer Bilder beiseiteschieben wollte – und feststellen musste, dass der Vorhang nur aufgemalte Illusion war.

Einmal quer durch die Kunstgeschichte streift Silke Vry in ihrem Augentäuscher-Buch, viele Kniffe, viele Sehspiele hat sie sich einfallen lassen. Anderes als die meisten anderen Kunstbücher für Kinder, die bildungseifernd daherkommen und gerne so tun, als ginge es in der Kunst vor allem um Wissen, um Geburtsdaten und Maltechniken, anders als diese außerschulischen Schulbücher nähert sich Silke Vry lieber dem an, was man das Geheimnis der Kunst nennen könnte. Kunst beraubt uns der Gewissheit, wir könnten unseren Augen trauen. Und sie bedankt sich für diesen Raub mit der Schönheit der Lüge.

Man muss es nicht Lüge, man kann es auch Einladung nennen, was einer wie Samuel von Hoogstraten auf seinen Bildern des 17. Jahrhunderts zeigt, die uns von einem Zimmer zum nächsten locken, vorbei an Hund und Katze, bis wir stehen bleiben, uns über das Zettelchen auf der Treppenstufe wundern und sich eine Geschichte in unseren Kopf schleicht, mit der wir Hoogstratens Bildräume füllen. Auch das lehrt das Buch von Silke Vry: dass wir nicht nur mit den Augen, sondern mit dem Gehirn sehen. Hier hat die Kraft der Einbildung ihren Sitz.

Überall wollen wir etwas sehen, wollen in Wolken den Elefanten erkennen, in Klecksbildern den Gartenzwerg, in Arcimboldos Zwiebeln, Möhren, Nüssen ein böse grinsendes Gesicht. Unser Kopf sucht in wirren Mustern nach Vertrautem. Und so lagern sich unsere inneren Bilder über die Bilder vor dem Auge. Gerne hat René Magritte diese Bilderbilder gemalt. Seine Beschaffenheit des Menschen zeigt den Blick aus einem Haus auf sattgrüne Frühlingswiesen, und das gleich doppelt: Einmal sieht man die Wiesen hinter dem Fenster und einmal vor dem Fenster, als Bildnis auf einer Staffelei. Magritte malt ein Abbild vom Abbild, und wenn man lange draufschaut, kommt es einem so vor, als würde uns ebenfalls jemand malen, wie wir das Abbildabbild betrachten.

Platon kommt in dem Buch von Silke Vry nicht vor, und doch ist er auf allen Seiten präsent, mit seinem Höhlengleichnis, das dem Menschen die Fähigkeit abspricht, etwas erkennen zu können. Was ihr Sein nennt, ist doch nur Schein, ruft uns Platon zu. Wenn aber nichts so ist, wie es scheint, dann kann man sich alles auch anders ausmalen, antworten ihm viele Künstler der Moderne. Bei ihnen kann der Himmel grün sein, ein Feld blau, der Mensch zitronengelb. Der Kunst ist nichts fremd, auch das führt uns dieses Buch vor. Künstler können in die Zimmerdecke ein Loch hineinmalen, wie es Andrea Mantegna gemacht hat. Oder eine weiße Ziegelmauer in einen Vorhang verwandeln, den das Zimmermädchen, das den Bürgersteig gefegt hat, heimlich lupft, um den Dreck dahinter zu verstecken. So hat es der Straßenkünstler Banksy auf eine Häuserwand in London gesprayt. In der Kunst ist die Freiheit, die Welt zu verwandeln. Sogar aus Büchern macht sie gelegentlich Picknickdecken.