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Ein Abenteuerroman. Ein Jungsbuch. Eine sensible Mutter-Tochter-Studie. Ein Patchworkfamilienepos. Eine aufwühlende Recherche entlang jener fragilen Linie, die im Leben die Zone der Grenzerfahrungen markiert, in der sich unsere Schicksale formen und Identitäten gestalten. Der Jugendroman Wildnis des irischen Schriftstellers Roddy Doyle bündelt auf gerade mal 200 Seiten einen ganzen Kosmos der Erzählmöglichkeiten. Das sorgt für rasantes Lesevergnügen und ist zugleich eine Lektüre, die zum nachdenklichen Innehalten zwingt.

Eine Mutter bucht für sich und ihre beiden Burschen eine Husky-Schlittenreise in Finnland. Zurück bleiben der Vater und seine Tochter Gráinne aus erster Ehe, der parallel zur Urlaubswoche der Halbgeschwister eine erste Begegnung mit ihrer Mutter bevorsteht, die sie vor einem Kinderleben verlassen hat. Schon auf den ersten Seiten fliegt also die oft so verklärte Patchworkfamilie im wahrsten Sinne des Wortes auseinander. Weshalb sich dieser Roman fortlaufend aus zwei Erzählsträngen speist, die kunstvoll miteinander verflochten sind. Wie ein flinkfingriger DJ tunt der Autor die beiden Geschichten ineinander, die doch so verschieden sind in Stimmung, im Tempo, in der Entwicklung. Die zehn- und zwölfjährigen Brüder Johnny und Tom toben mit ihrer jugendlichen Mama Sandra durch die Tundra und rasen auf Hundeschlitten einem Abenteuer entgegen, das größer und kälter wird als geplant. Sandra geht dabei verloren, in der Eiswüste. Zu Hause quälen sich die pubertierende Gráinne und ihre labile Mutter Rosemary aufeinander zu, durch ein nicht minder vereistes Terrain, in dem enttäuschte Liebe und Hass und Sehnsucht lungern.

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Roddy Doyle ist, was man in England einen tollen storyteller nennt. Acht Romane, von denen Paddy Clarke Hahaha, irische Geschichte, erzählt aus der Perspektive eines Zehnjährigen, den angesehenen Booker Prize gewann. Short Storys für den New Yorker, Drehbücher, Dramen, Kinderbücher! Doyle, der ehemalige Englischlehrer, hat seinen Shakespeare studiert und versteht es, im spannungsgeladenen Raum zwischen sich spiegelnden Handlungen eine neue Ebene in Vibration zu versetzen. Was sind eigentlich Mütter, diese bange Frage hört man aus dem Konzert der verschiedenen Stimmen heraus. Anders gefragt: Was sind wir, wenn wir sie verlieren? Und: Welche Mächte sind am Werk, die unser Schicksal formen? Wie stark und groß müssen wir sein, um sie zu bezwingen? Keine kleinen Kinderfragen.

Tom und Johnny geraten wie alle Brüder miteinander ins Gerangel, was man leider auch von dem eisblauäugigen Husky-Rudel sagen muss, das sie durch den Schnee schleppt, bis die Nacht fällt und ein Schlitten über den Punkt hinauskatapultiert wird, jenseits dessen man kaum ins Leben zurückfindet. Tom und Johnny erweisen sich als echte Kerle. Und auch Gráinne wird eine Extremsportübung abverlangt, sie muss das enttäuschte Kind in sich abhängen und eine junge Frau neu erfinden.

Der Text wogt wie die Rücken der Huskys geschmeidig über unebenes Gelände. Doyle ist ein Meister der Dramaturgie, der Szenen zu großer Spannung aufbaut und dann mit einem Scherz, in Lakonie, vielleicht auch nur mit einer Pause, abfängt. Er serviert Dialoge mit Tempo und Schlagfertigkeit, erzeugt Emotionen, bis der Kloß im Hals schwillt und dringend jener Erlösung bedarf, die seit je in der englischen Literatur hoch entwickelt ist: comic relief . Ein kleiner Scherz. Man stellt sich vor, mit welchem Vergnügen sein Übersetzer Andreas Steinhöfel, der in dieser Disziplin schon mit den eigenen Rico-Romanen brilliert hat, sich der Albernheiten, der Feinheiten von Jugendsprache, angenommen hat: Coo-hool! Der dreifache Vater Roddy Doyle hat im Übrigen auch an Eltern gedacht, für sie den Charme der kindlichen Gesten eingebaut, das Vergnügen an der berückenden Logik von Zehnjährigen, Vorleser werden gelegentlich ins Stocken geraten, weil sie sich von einer Szene nicht losreißen mögen.