Es gibt Bands, die den Erwartungen ihres Publikums vorauseilen. Massive Attack gehören nicht dazu. Fleiß ist zwar vorhanden, angeblich wird in ihrem Studio pausenlos an neuem Material gewerkelt, vom Mittag bis spät in die Nacht, sieben Tage die Woche. Dies gaben Robert "3D" Del Naja und Grant "Daddy G" Marshall zu Protokoll, wenn mal wieder einer der reitenden Boten von der Presse bei ihnen vorbeischaute, einfach um höflichst nachgefragt zu haben, wie es denn so bestellt sei um das Leben und die Kunst. Was hörbare Ergebnisse anbelangt, gab es allerdings nie etwas zu vermelden. Inzwischen wissen wir auch, warum. Del Naja und Marshall sind Meister in der Disziplin des Verschleppens.

Sieben Jahre hat das Duo aus Bristol für sein neues Album Heligoland gebraucht, ein biblisch dimensionierter Zeitraum, der einen gewissen Erklärungsnotstand mit sich brachte. Mal hieß es, man stehe kurz vor dem Abschluss, ganz sicher sei demnächst mit der Veröffentlichung zu rechnen, definitiv im nächsten Frühling, nein, wohl doch eher im Herbst. Dann machte die Nachricht die Runde, die fertigen Aufnahmen hätten leider wieder gelöscht werden müssen, aus Qualitätsgründen. Zuletzt galt es, sich des Vorwurfs der Prokrastination zu erwehren, jenes mutwilligen Hinausschiebens des Abgabetermins, das in der Welt der Warentermingeschäfte einer Todsünde gleichkommt. Sprechen wir lieber von einem Programm. Wo alle dranbleiben wollen, macht die Verzögerung den Unterschied.

Massive Attack, das ist die schlechte Nachricht, sind die Tranfunzeln des Gegenwartspop geblieben, ein notorisch lethargisches Veteranengespann mit Hang zum Moll. Statt ihren Stücken endlich Beine zu machen, haben sie sie nach bewährtem Muster noch eine Etage tiefergelegt. Untenrum pulsiert ein Bass an der Grenze zur Wahrnehmungsschwelle. Obendrüber schwirren atmosphärisch die Samples. Zusammengehalten wird das Ganze von einem kunstvoll verschleppten Beat und betont ausdruckslosen Gesangslinien. Das Ergebnis ist eine Musik, die zu zähflüssig für die Tanzfläche ist und zu tranceförmig fürs Formatradio. Insbesondere vom Einsatz im Straßenverkehr wird abgeraten, spontane Beeinträchtigungen des Fahrvermögens könnten die Folge sein. Es ist, als würde man seinem eigenen Puls beim Ersterben zuhören. Jetzt die gute Nachricht: Irgendwie klingt das toll.

An den vielen Gastsängern und Kooperateuren kann es nicht liegen, an Patti Smith, David Bowie, Tom Waits, die es aus unbekannten Gründen gar nicht aufs fertige Produkt schafften. Hope Sandoval und der ubiquitäre Damon Albarn sind zwar dabei, ebenso die Massive-Attack-Fans bestens bekannte Martina Topley-Bird, sowie Horace Andy, der Reggae-Sänger mit der Samtstimme, und Tunde Adebimpe von der angesagten New Yorker Experimentalband TV On The Radio. Ihr Part beschränkt sich indes darauf, als Klangfarbe die beeindruckende Lahmheit der Band zur Geltung zu bringen. Nein, nicht das Staraufgebot vermag in diesem Fall zu fesseln, es ist die stoische Ruhe, mit der die Band ihre Kreise zieht. Endlich mal jemand, der sich nicht hetzen lässt. Enttäuscht, erfreut und erleichtert stellen wir fest, dass ein Fortschritt in formaler wie inhaltlicher Hinsicht nicht stattgefunden hat.